
Gurgaon, Indien: Neue Stadt, neues Glück – neue Kämpfe?
(eine überarbeitete Fassung erscheint im Herbst 2008 als Beilage
der Zeitschrift wildcat: www.wildcat-www.de)
Gurgaon gilt in Indien als Zeichen der Hoffnung, als Ausdruck der wirtschaftlichen Entwicklung, als Modell für das ‘Shining India’ (*) des neuen Jahrtausends. Nicht die Massenslums von Mumbai, sondern die Appartmentblocks von Gurgaon, nicht die Kinderarbeit und Werkstattökonomie, sondern die modernen Montagewerke und Call Center sollen Indiens Zukunft symbolisieren. Aus der dörflichen Vorstadt im Süden Delhis, Bundesstaat Haryana (*), wurde innerhalb von zwei Jahrzehnten eine Millionenstadt, der wichtigste Produktionsstandort für die indische Auto-, Bekleidungs- und Call Center-Industrie, Standort für die entstehende größte Sonderexportzone Asiens. Tausende von migrantischen ArbeiterInnen zogen in die hinter den Shopping Malls und Glas-Betontürmen wachsenden Slumsiedlungen und die Hinterhofbaracken ehemaliger Bauerndörfer. In den Fabriken finden sie eine Arbeit, deren 12-Stunden Tag und Hungerlöhne im Schatten des ‘Shining India’ liegen. Diese neue ArbeiterInnengeneration ist Trägerin neuer Ansprüche und Kämpfe. Folgendes Material wurde während eines einjährigen Aufenthalts in Gurgaon gesammelt und vermittelt einen Einblick in die wachsende soziale Unruhe auf einer der gegenwärtigen Boom-Inseln des globalen Kapitalismus.
Das Material gliedert sich in vier Teile. Der Teil ‘Die Stadt’ liefert eine Chronologie der Urbanisierung Gurgaons und beschreibt die täglichen Widersprüche des gewalttätigen Prozesses der Stadtwerdung und deren Konfliktualität: Highway-Blockaden und Riots der proletarischen Frauen und Jugend gegen den Mangel des Stadtlebens. Im Teil ‘Die Arbeitskraft’ stellen wir zuerst die eingewanderte Arbeitskraft, ihre Qualifikation und ihr Lebensstandard vor. Es wird auf die Frage der Hausarbeit bzw. das Geschlechterregime in den Fabriken eingegangen. Es folgt der Abschnitt ‘Die Industrie’, der sich konkret um die industriellen Hauptsektoren, sprich die Auto-, Textil-, und Call Center Industrie drehen. ArbeiterInnen berichten über die Zusammensetzung und Situation. Im vierten Teil ‘Die Kämpfe’ erfahren wir die manifestierte Wut der neuen ArbeiterInnengeneration: die wilden Streiks und Fabrikbesetzungen der automobilen LeiharbeiterInnen und die zwiespältige Position der offiziellen Gewerkschaften.
Viele der Berichte von ArbeiterInnen in und um Gurgaon wurden auf Hindi in der Faridabad Majdoor Samaachaar (FMS; Faridabad Arbeiternachrichten) abgedruckt und an ArbeiterInnen weiterverteilt. Mehr zu dieser seit Anfang der 1980er aktiven Gruppe im letzten Abschnitt.
Begriffe, die beim ersten Auftauchen mit einem (*) gekennzeichnet sind, werden im Glossar erklärt.
Fotos aus Gurgaon und aktuelle Newsletter (englisch) könnt ihr auf der Gurgaon Workers News Website finden: www.gurgaonworkersnews.wordpress.com
Kontakt: gurgaon_workers_news@yahoo.co.uk
Inhaltsübersicht
0. Einleitung
0.1 Zusammenfassung
0.2 Die Bedeutung Indiens
0.3 Klassenzusammensetzung in Gurgaon
1. Die Stadt
1.1 Ein kurzer Stadtspaziergang
1.2 Chronologie der Urbanisierung Gurgaons
1.3 Die Landnahme
1.4 Die Sonderentwicklungszone (SEZ) und der Widerstand der bäuerlichen Bevölkerung
1.5 Die Landpreis- und Immobilienblase und Auswirkungen auf das Alltagsleben
1.6 Die Umwandlung von Bauerndörfern in Auffangbecken für die neue Arbeitskraft
1.7 Die Slumbildung, das Dienstleistungsproletariats und die entstehende Angst der oberen Mittelschichten
1.8 Der Boom des Überbaus und die nachhinkende urbane Infrastruktur
1.9 Urbane Kämpfe
2. Die Arbeitskraft
2.1 Die Arbeitskraft: Migration, Dorf, Qualifikation, Konsumniveau
2.2 Beispiele: Löhne und Preise
2.3 Die Reproduktion und Frauen/Hausarbeit
2.4 Die allgemeinen Arbeitsbedingungen
2.5 Eckpunkte des Arbeitsrechts
2.6 Berichte von ArbeiterInnen:
- Bericht eines jungen Textilarbeiters
- Bericht eines Metallarbeiters über Management-, und Polizeirepression
- Bericht über einen Arbeitsunfall
- Bericht eines ausrangierten Fabrikarbeiters, jetzt Wachmann
3. Die Industrie
3.2 Die Call Center Industrie
3.2.1 Übersicht Call Center in Indien
3.2.2 Bedeutung und Struktur der Call Center in Gurgaon
3.2.3 Die Call Center ArbeiterInnen
3.2.4 Berichte von ArbeiterInnen:
General Electrics, Citibank, Hewlett Packard
3.2.5 Eindrücke eines Arbeitstags: von Deutschland nach Gurgaon verlagerte Marktforschung
3.2.6 Konfliktpunkte und Potentiale für zukünftige Unruhen
3.3 Der medizinisch-industrielle Komplex und die Sicherheitsindustrie
3.3.1 Der medizinisch-industrielle Komplex
3.3.2 Die Sicherheitsindustrie
3.4 Die Textil Industrie
3.4.1 Übersicht Textilindustrie in Indien
3.4.2 Bedeutung und Struktur der Textilindustrie in Gurgaon
3.4.3 Massenentlassungen von TextilarbeiterInnen Oktober 2007
3.4.4 Berichte von ArbeiterInnen: Hauz Rhani, Sagar Export
3.5 Die Autoindustrie
3.5.1 Übersicht Autoindustrie in Indien
3.5.2 Bedeutung und Struktur der Autoindustrie in Gurgaon
3.5.3 Maruti Suzuki, Zentrum der indischen Autoindustrie und des lokalen industriellen Netzes
3.5.4 Berichte von ArbeiterInnen aus der Zulieferindustrie: Motherson Sumi, Yamaha Motors, Talbros, Super Auto, Alpha Instruments, Anu Industries, Lumax, Breaks India, Omax, Lkw-Fahrer
4.0 Die Kämpfe
4.1 Der arbeitsrechtliche Rahmen und die Rolle der Gewerkschaften
4.2 Beispiele der Beschränkung gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen: Angriff auf Amtek-Arbeiter (Autozulieferer) und Fabrikbesetzung bei Fashion Express (Bekleidungsmittelindustrie)
4.3 Eine neue Qualität: Wilde Streiks und Fabrikbesetzungen der LeiharbeiterInnen der Autoindustrie
4.3.1 Wilder Streik bei Honda HMSI, September 2006
4.3.2 Wilder Streik bei Hero Honda, April 2006
4.3.3 Kämpfe bei Delphi, August 2007
4.3.4 Wilde Streiks zur Durchsetzung des Mindestlohns, Herbst 2007
5.0 Anhang
5.1 Die Linke in Gurgaon bzw. Delhi und das Zeitungsprojekt ‘Faridabad Majdoor Samaachaar’ (FMS)
5.2 Glossar

0. Einleitung
0.2 Die Bedeutung Indiens
0.3 Klassenzusammensetzung in Gurgaon
0.2 Die Bedeutung Indiens
Indien wird zusammen mit China als neue Hoffnungsregion des globalen Kapitalismus dargestellt: kräftiges Wirtschaftswachstum, IT-Experten, massenhaft billige Arbeitskräfte, riesige Absatzmärkte. In den kommenden zwei, drei Jahrzehnten wird Indien zum bevölkerungsreichsten Land der Erde. Mehr als ein Fünftel der Menschheit wird in Zukunft in Indien leben, zur Zeit sind es rund 1,3 Milliarden. Weniger eindeutig ist der zukünftige Status dieser Bevölkerung innerhalb oder abgehängt von der kapitalistischen Entwicklung: eine Milliarde nicht integrierbare, verelendete Landbevölkerung, ein Heer an zukünftigen urbanen ProletarierInnen, eine Masse an potentiellen modernen KonsumentInnen?
Die Krise der Bauern
Rund 70 Prozent der indischen Bevölkerung lebt nicht in der Stadt, 60 Prozent sind vom Land abhängig, direkt als Bauern oder indirekt als LohnarbeiterInnen auf dem Land. Die Grüne Revolution (*) in den 1950ern und 1960ern und die fortschreitende Industrialisierung hat ‘das Land’ verändert. Es ist eine auch im kapitalistischen Sinne paradoxe Situation entstanden: der Landbesitz hat sich weiter konzentriert, die Verschuldung der Kleinbauern verschärft, aber die große Landflucht ist bislang ausgeblieben. Die Armen bleiben auf dem Land und die gesteigerte Agrarproduktion trägt zum Anwachsen der ‘Überbevölkerung’ bei. Zwischen 1970 und 2000 ist die durchschnittliche Lebenserwartung um 20 Jahre gestiegen. Die Mehrheit überlebt unterernährt, und fast die Hälfte der Bevölkerung Indiens muss mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Die Agrarproduktion ist gestiegen, aber im kapitalistischen Sinne ist ihre Bedeutung geschrumpft: machte sie in den 1950ern noch über 50 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus, so sind es heute nur noch knapp 20 Prozent. Der Anteil der ‘Landlosen’ nimmt zu, so auch die Schuldenlast der Kleinbauern: im Jahr 2004 haben sich laut Regierungszahlen rund 16.000 indische Bauern auf Grund ihrer Verschuldung das Leben genommen.
Man kann also von einer sich aufbauenden Krise auf dem Land sprechen, die sich u.a. in den weiter wachsenden maoistischen Bewegungen in Bihar, Orissa und anderen ärmeren Bundesstaaten ausdrückt. Diese Bewegungen haben sich in den meisten Regionen bereits von einem sozialen in einen militärischen Konflikt verwandelt. Andere ‘Landbewegungen’ finden vor allem dort statt, wo die Krise des Bauerntums noch nicht dazu geführt hat, dass ein Großteil der Bevölkerung ohne Land dasteht, so zum Beispiel gegen die Landnahme für Industrieprojekte in Nandigram (*) oder Kashipur. Auch diese Bewegungen sehen sich mit (para-)militärischer Repression konfrontiert, sie gelten als Ausdruck des weitverbreiteten Zweifels am Heilssegen der kapitalistischen Industrialisierung.
Der Staat versucht die Armut der Landbevölkerung möglichst kostenneutral zu verwalten, es werden ‘Food for Work’-Programme aufgesetzt, Mikrokredite als Lösung angepriesen und im Februar 2008 wird ein allgemeiner Schuldenerlass für Kleinbauern angekündigt. Bisher blieben diese Massnahmen Tropfen auf dem heissen Stein der Landkrise. Für viele bleibt der Gang in die Stadt als einzige Aussicht. Tatsächlich vollzieht sich die Verstädterung Indiens aber langsamer, als die Krise auf dem Land erwarten lässt. Betrug die Urbanisierungsrate im Jahr 1951 rund 17 Prozent so stieg sie in den nächsten 50 Jahren lediglich um 10 Prozent auf 27 Prozent im Jahr 2001. Der Stadtwachstum konzentriert sich auf die Millionenstädte, die mittelgroßen Städte werden übersprungen. Die ausschlaggebende Dynamik für das Wachstum der Millionenstädte besteht nicht in deren wachsender Arbeitskräftenachfrage, sprich auf einem Wachstum der Industrie, sondern im Drängen der Menschen weg vom Elend des Landes.
Industrieller Boom?
Seit Ende der 1990er wächst die indische Wirtschaft jährlich zwischen 6 und 8 Prozent, das industrielle Wachstum lag 2007 bei rund 10 Prozent. Aber setzt sich dieses Wachstum auch in ein Beschäftigungswachstum um? Rein statistisch gesehen steht einem Bevölkerungswachstum von 1,5 Prozent ein Beschäftigungswachstum von lediglich 1 Prozent gegenüber. Seit der Zahlungskrise 1991 (*) und der folgenden Liberalisierung des indischen Markts fließen zwar neue Kapitalströme, werden neue Fabriken hochgezogen und Sonderwirtschaftszonen eröffnet, aber gleichzeitig wurden viele der ehemaligen Staatsbetriebe und mit ihnen die Hauptstandbeine der ‘alten’ Arbeiterbewegung abgewickelt. Neue Sektoren, wie Call Center und IT haben zwar einen großen Anteil an den Exportzuwächsen und den Direktinvestitionen, schaffen aber wenig Jobs, schon gar nicht für eine zugewanderte Landbevölkerung.
Sektoren wie die Stahlproduktion, die als Indikatoren für die allgemeine industrielle Entwicklung gelten, bestätigen das Bild: die indische Wirtschaft wächst schnell, aber ausgehend von einer im Weltmaßstab kleinen Basis. So hat sich die Stahlproduktion zwischen 1996 und 2006 verdoppelt, bleibt aber weiterhin gering im Vergleich mit z.B. China: 45 Mio. Tonnen in Indien bzw. 350 Mio Tonnen in China im Jahr 2006, davon im Fall von Indien 15 Prozent für den Export. Indiens Anteil an der weltweiten Stahlproduktion entspricht damit rund 3 Prozent. Ähnlich sieht es bei der verarbeitenden Industrie, vor allem der Autoindustrie aus: sie wächst rapide, aber auf kleinem Niveau von 2006 rund 1,3 Millionen Autos, fast alle für den Binnenmarkt. Zwar wird oft vom Entstehen einer bereits 200 bis 300 Millionen umfassenden ‘neuen Mittelschicht’ geredet, nimmt man aber z.B. den Besitz eines Kleinwagens als Kriterium für den Status als Mittelstand, dann reduziert sich diese Zahl auf 20 Millionen.
Der interne Markt ist also beschränkt und der Anteil Indiens am gesamten Welthandel mit rund 2 Prozent noch gering. Indien ist keine ‘Exportökonomie’, die die mangelnde interne Konsumption durch Außenhandel ausgleicht. 2006 wurden bei einem Bruttosozialprodukt von 684 Milliarden Euro Güter im Wert von 96 Milliarden exportiert und Güter im Wert von 139 Milliarden importiert. Im Vergleich dazu exportierte Deutschland 2006 Güter im Wert von rund 900 Milliarden Euro.
Neue Zentren
Diese Zahlen zum ‘industriellen Boom’ in Indien sollen verdeutlichen, dass die industrielle Entwicklung mit der Krise des Landes nicht Schritt hält und der wirtschaftliche Boom für den Großteil der Bevölkerung keine bessere Zukunft verspricht. Globale Kapitalströme fließen vermehrt nach Indien. Die Direktinvestitionen haben sich 2006 im Vergleich zum Vorjahr auf einen Rekordstand von 10 Milliarden US-Dollar (ohne Re-Investitionen) verdoppelt, aber die industrielle und urbane Entwicklung findet in einzelnen Zentren statt: Mumbai, Chennai, Hyderabad, Bangalore, Delhi, Kalkutta. In diesen Zentren entsteht tatsächlich eine neue Generation von ArbeiterInnen. Wurden sowohl während der Kolonialzeit als auch in den 1970ern und 1980ern viele der Massenaufstände der Landbevölkerung und TextilarbeiterInnen niedergeschlagen, so entstanden in den Zentren in den letzten Jahrzehnten kapitalintensive (Automobil, Landmaschinen, Hausgeräte, Elektronikartikel) und mit dem Weltmarkt verbundene Industrien (IT, Call Center), deren Arbeitskraft eine neue Machtposition erobern kann. Es sind die Auseinandersetzungen in diesen Zentren, in denen die zukünftigen Ansprüche der proletarisierten Bevölkerung Indiens erhoben werden. Diese Zentren sind durch die pendelnde und wandernde Arbeitskraft mit ‘dem Land’ verbunden. Die ArbeiterInnen kommunizieren ihre Eindrücke, Erfahrungen und neu entstandenen Bedürfnisse zurück in das Hinterland. In einem Land, in dem unterschiedliche nationalistische Konflikte schwelen und das als zweitgrößtem muslimischen Land der Welt wieder zu einem Schauplatz ‘religiös’ kanalisierter sozialer Ausschreitungen werden kann, haben die urbanen Entwicklungszentren auch in dieser Hinsicht eine bedeutende Rolle. Als proletarische Schmelztigel, in dem dörfliche Kasten- und Geschlechterstrukturen, regionale oder religiöse Trennungen aufbrechen, tragen sie auch die Hoffnung auf eine Überwindung der zahlreichen Spaltungslinien.
0.3 Klassenzusammensetzung in Gurgaon
Gurgaon bzw. der zusammenhängende Industriegürtel im Süden Delhis hat innerhalb der wirtschaftlichen Entwicklung Indiens eine zentrale Stellung. Neben der Funktion des ‘Aushängeschilds’ des Fortschritts – Shopping Malls, Dubai-Architektur – ist ein maßgeblicher Anteil der indischen Call Center-, Bekleidungs-, und Auto-Industrie in dieser Region angesiedelt.
Call Center
Mit rund 150.000 Beschäftigten dürfte Gurgaon zu den weltweit größten Ballungszentren für Call Center gehören. Neben den Call Centern haben viele wichtige Softwareunternehmen, u.a. Microsoft, IBM und SAP, Entwicklungsabteilungen in der Region.
Textil
In Gurgaon gibt es rund 500 Textilfabriken in denen insgesamt über 200.000 TextilarbeiterInnen beschäftigt sind. Rund ein Viertel aller für den Export bestimmter in Indien produzierter Textilien kamen 2006 aus Gurgaon, ein weiteres Viertel aus Okhla, einem nahegelegenen Industriegebiet, ebenfalls im Süden Delhis.
Auto
Gurgaon ist ein Zentrum der indischen Autoindustrie, neben Maruti/Suzuki befinden sich dort auch Fabriken und Zulieferunternehmen der größten indischen Motorrad-Unternehmen Hero Honda und Honda Scooter and Motorcycles India. Mehr als die Hälfte aller in Indien produzierter Pkw kommen aus Gurgaon, fast drei Viertel alles Motorräder. Mehr als die Hälfte der japanischen Direktinvestitionen nach Indien sind im Industriegürtel um Delhi konzentriert.
Neben diesen drei Hauptsektoren gibt es in Gurgaon sehr viele private Krankenhäuser und private Bildungseinrichtungen, vor allem Management-Schulen. Es wird in Bio-, Nano- und Pharmaindustrie investiert, auch in Unternehmen der ‘grünen Technologie’, u.a. Solartechnik, Windräder, Bio-Brennstoffe. Hinzu kommt ein massenhaftes ‘Service-Proletariat’, Tausende von Sicherheitsleuten, Taxifahrern (für die Call Center), Shopping-Mall-Beschäftigte, Zehntausende BauarbeiterInnen des Bau-Booms.
Auf Grund dieser Industrien zieht Gurgaon eine Masse an ArbeiterInnen aus dem Norden Indiens an, von ‘Bauern-ArbeiterInnen’ aus Bihar oder Uttar Pradesh, die auf Baustellen oder in Fabriken landen, bis zu AbiturientInnen der mittelgroßen Städte, deren Englischkenntnisse in den Call Centern vernutzt wird.
Die gesamte Industrie hängt also von einer migrantischen Arbeitskraft ab, für die Fabrikarbeit sowohl im klassischen Sinne, als auch im Sinne der ‘modernen’ Telefondienstleistungsfabriken eine neue Erfahrung ist, also von einer ersten Generation von IndustriearbeiterInnen. Das produktive Netz der Industrie reicht von modernen Weltmarktfabriken bis hinein in die Slum-Produktion. Viele der ArbeiterInnen haben Erfahrungen sowohl in Großfabriken, als auch in Werkstätten oder im ‘informellen Sektor’ gemacht.
Trotz ihrer enormen Bedeutung für die lokale und nationale Ökonomie hat die Masse der FabrikarbeiterInnen keine Aussicht auf permanente Beschäftigung und Absicherung. Als LeiharbeiterInnen zirkulieren die meisten zwischen verschiedenen Jobs, oft in unterschiedlichen Sektoren. Die traditionellen Eckpunkte der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung zählen für sie nicht (Verträge mit langen Laufzeiten, betriebs- oder sektorenbezogene Mitgliedschaft in Gewerkschaften). Sie werden weder von gewerkschaftlichen noch politischen Institutionen vertreten.
Allgemein sind die handarbeitenden ‘Bauern-ArbeiterInnen’ und die proletarisierte gebildete ‘Mittelstandsjugend’ durch bislang scheinbar unüberbrückbare klassen- und kastenpolitische bzw. kulturelle Grenzen voneinander getrennt. In Gurgaon werden sie zumindest räumlich zusammengebracht. In den Industriegebieten liegen die meisten der Call Center in direkter räumlicher Nähe von Textil- und Metallfabriken. Es gibt gemeinsam genutzte Tee- und Essensstände. Für zukünftige Bewegung könnte die Zusammensetzung dieser noch voneinander getrennten ArbeiterInnenschichten für Zündstoff sorgen.
Diese junge Arbeitskraft lebt oft in größeren Gruppen zusammen, sei es in besseren Wohngemeinschaften der Call Center-Beschäftigten, sei es in den Hinterhof-Flachbauten der alleinstehenden Fabrikarbeiter. Bestimmte Ressourcen (Handys, Kocheinrichtungen etc.) werden geteilt, die Hausarbeit oft zusammen organisiert, kurze Zeiten der Arbeitslosigkeit aufgefangen, Informationen über (neue) Jobs ausgetauscht. Das Zusammenleben ist bereits ein wichtiger Faktor in der (Selbst-)Organisierung des proletarischen Überlebens, es kann ein wichtiger Faktor für zukünftige Kämpfe werden.
Die Frage der Reproduktion ist eine direkt klassenpolitische. Mit vielen Problemen des Überlebens in der Stadt müssen sich die ArbeiterInnen als ProletarierInnen – nicht als ‘BürgerInnen’ – auseinandersetzen: mit der Frage der dürftigen oder illegalisierten Wohnsituation, der mangelnden Wasser- und Stromversorgung, dem unzureichenden öffentlichen Transport. Diese ‘Probleme’ sind häufig Anlass für spontane kollektive Aktionen. Die zentrale Position der ArbeiterInnen und ihre miesen Arbeits- und Lebensbedingungen prallen in Gurgaon mit der Arroganz des Reichtums zusammen. Dutzende Shopping Malls, Golfplätze, Villenviertel etc. liegen im täglichen Blickfeld der ArbeiterInnen und verschärfen Wut und Verlangen.
Die Herkunft der ArbeiterInnen bzw. die Trennung zwischen Dorf und Stadt wird vom Kapital genutzt, um die Arbeitskraft unter Druck zu setzen und sie bei Konflikten an diesen Linien zu spalten. Das Dorf funktioniert zum einen, um längere Zeiten der Arbeitslosigkeit auffangen zu können. Da der Rest der Familie meist im Dorf wohnt, reichen niedrige Löhne als Familienlöhne aus. Kommt es zu Streiks oder Aussperrungen sind die ArbeiterInnen meist nach kurzer Zeit gezwungen, auf das Dorf zurückzukehren. Andersherum lassen sich in kurzer Zeit neue Arbeitskräfte aus den (umliegenden) Dörfern mobilisieren, um rebellierende ArbeiterInnen zu ersetzen.
Die ersten selbständigen Kämpfe dieser neuen Arbeitskraft spiegeln all ihre Potentiale und Widersprüche wider: die wilden Streiks und Besetzungen der LeiharbeiterInnen bei Hero Honda, Delphi oder Honda HMSI in der zweiten Jahreshälfte 2006. Die Kämpfe stellten Ansprüche. Es ging vor allem um höhere Löhne, im Fall von Hero Honda wurden Festverträge für alle gefordert. Die Kämpfe richteten sich damit auch gegen die innerbetrieblichen Hierarchien, u.a. indem sie die Abschaffung unterschiedlicher Uniformen für Festangestellte und ZeitarbeiterInnen forderten. ‘Kickstarter’ waren konkrete Anlässe: schlechtes Kantinenessen, die Tatsache, dass KollegInnen nach dem Urlaub nicht wieder eingestellt wurden, Ignoranz der gewerkschaftlichen Hierarchie den LeiharbeiterInnen gegenüber.
All diese Kämpfe wurden ohne die offiziellen Gewerkschaften geführt, mussten sich teilweise gegen diese durchsetzen: im Fall von Honda HMSI gegen eine ‘junge Gewerkschaft’ der festeingestellten ArbeiterInnen, die selbst erst im Sommer 2005 als Resultat eines harten Konflikts entstanden ist. Auf Grund ihrer Position innerhalb der wichtigsten Automobil-Fabriken konnten die LeiharbeiterInnen den Kampf selbst in die Hand nehmen und enormen Druck auf die Unternehmen ausüben, aber ihn fehlte die Erfahrung im Umgang mit den (Verhandlungs-)Strategien der herrschenden Klasse.
Wir werden im Detail auf diese Kämpfe eingehen, zum einen, weil es – selbst in der englischsprachigen Öffentlichkeit – kaum Berichte über sie gibt, aber auch, weil es auf Grund der Verflechtungen mit dem Weltmarkt in Zukunft zu interessanten Parallelsituationen von Kämpfen in ‘Nord’ und ‘Süd’ kommen könnte. So fanden z.B. bei Delphi in Spanien und den USA Kämpfe gegen Arbeitsplatzabbau statt, als bei Delphi in Gurgaon wild gestreikt wurde. Ähnliche Situationen gab es zuvor bei IBM. Durch den enormen Marktdruck und die Mobilität im Textilsektor ist es möglich, dass die Kämpfe in den Sonderexportzonen von Vietnam und Bangladesh (*) der letzten Zeit bis nach Indien durchschlagen. In der aktuellen Situation gibt es für ein Großteil der Unternehmen in Gurgaon kein ‘billiges Hinterland’ für mögliche Verlagerungen mehr, und Konflikte müssen vor Ort ausgetragen werden.