
2. Die Arbeitskraft
2.1 Die Arbeitskraft: Migration, Dorf, Qualifikation, Konsumniveau
2.2 Beispiele: Löhne und Preise
2.3 Die Reproduktion und Frauen/Hausarbeit
2.4 Die allgemeinen Arbeitsbedingungen
2.5 Eckpunkte des Arbeitsrechts
2.6 Berichte von ArbeiterInnen:
- Bericht eines jungen Textilarbeiters
- Bericht eines Metallarbeiters über Management-, und Polizeirepression
- Bericht über einen Arbeitsunfall
- Bericht eines ausrangierten Fabrikarbeiters, jetzt Wachmann
2.1 Migration, Dorf, Qualifikation, Konsumniveau
Migration
Die meisten jungen ArbeiterInnen sind erst in den letzten drei, vier Jahren nach Gurgaon gekommen, aus ‘ärmeren’ Bundesstaaten des Nordens, vor allem Uttar Pradesh, Bihar, West Bengalen, Orissa. Sie kommen aus ländlichen Regionen, mit Ausnahme der Leute aus West-Bengalen, die auch aus den Vororten Kalkuttas kommen und dort bereits Industrieerfahrungen gemacht haben.
Man kann in Gurgaon bestimmte Berufsgruppen auch einer bestimmten Herkunft zuordnen. So sind z.B. die meisten Fahrrad-Rikshafahrer und viele Reinigungskräfte aus West-Bengalen. Es entstehen Slums oder eine Zusammensetzung in den Hinterhöfen, die von einer ‘Herkunftsgruppe’ geprägt ist, auch hier sind es oft Leute aus West-Bengalen, die in größeren Gruppen zusammenleben. In vielen Hinterhöfen wohnen allerdings ArbeiterInnen aus verschiedensten (Sprach-)Regionen auf engstem Raum zusammen. Auch in den Fabriken arbeitet eine gemischte Arbeitskraft. Hindi ist dabei die einzige gemeinsame und in vielen Fällen erlernte Zweitsprache. Bei den proletarisierten Mittelstandskindern der Call Center sind europäische Fremdsprachen im Trend. Die Sprachschulen boomen, eben weil aus den Kleinstädten eine Masse an englischsprachiger Jugend nachrückt. Man muss sich weiterbilden, sich von der Masse abheben, um seinen Standard zu halten. Über die ‘religiöse Zusammensetzung’ der industriellen Arbeiterklasse kann hier nicht viel gesagt werden. In Chakkarpur, einem der ehemaligen Bauerndörfer leben muslimische Hauselektriker, ohne das ihre religionszugehörigkeit ein Thema wäre, allerdings sind sie aus einem ‘muslimischen Distrikt’ eingewandert, der wie Teile Delhis als ‘muslimisches Ghetto’ gilt. Einige der anerkanntesten Gewerkschaftsaktivisten bei Honda bzw. Suzuki Maruti sind Muslime bzw. Christen. Während der Anti-Sikh Riots Mitte der 1980er, als allein in Delhi tausende Sikhs getötet wurden, blieb die Situation im industriellen Faridabad ruhig.
Dorf
Die wandernden ArbeiterInnen sprechen von ihrem Dorf als einem Ort, wo es weniger Stress, besseres Essen und mehr Platz und nicht zuletzt die familiären Beziehungen gibt. Das Wort ‘Dorf’ steht dabei mehr für Heimatort, oft stellt sich beim Nachfragen heraus, dass Kleinstädte oder Vororte von Kalkutta zu Dörfern schrumpfen. Viele haben dort ein Familienhaus, manche haben Land, wobei das nicht mehr die Haupteinkommensquelle ist. Viele sagen, dass sie das Dorf verlassen, weil das Geld dort immer wichtiger wird. Die Lebensqualität in der Stadt ist zwar schlechter – man ist getrennt von Familie und FreundInnen, man arbeitet zu viel, isst schlecht, lebt zusammengepfercht – aber dort verdient man Geld. Das Geld ist wichtig für bestimmte Anschaffungen. Viele haben den Traum, im Dorf einen ‘Laden’ aufzumachen. Das Geld wird aber auch für medizinische Behandlung und schulische Ausbildung gebraucht. Das Dorf funktioniert noch als Rückzugsmöglichkeit, zumindest für all jene, die nicht mit der ganzen Familie nach Gurgaon gekommen sind. Die jüngeren ArbeiterInnen gehen zwischen Jobs für ein paar Wochen zurück. Das Land funktioniert auch für die Unternehmen. Die ArbeiterInnen bekommen mit, dass täglich hunderte Neuankömmlinge in Gurgaon eintreffen, die ebenfalls Unterkunft und Arbeit brauchen. Dies dämpft die Ansprüche. Die Hungerlöhne in Weltmarktfabriken lassen sich nicht anders erklären. Unternehmen können bei Streiks oft auf Aussperrungen setzen. Sie finden in den meisten Fällen schnell Ersatzarbeitskräfte, die auch bereit sind, über Tage und Wochen in der Fabrik zu leben.
Qualifikation
Die meisten Unternehmen verlangen den Abschluss der 10. Schulklasse als Grundqualifikation. Nicht wenige der eingewanderten jungen (männlichen) Arbeiter ist zwölf Jahre zur Schule gegangen. Das heißt, das eine große Mehrheit der Arbeiter in ihrer jeweiligen Muttersprache fließend lesen und schreiben kann. Abgesehen von Arbeitern aus West-Bengalen bereitet ihnen das Lesen von Texten in Hindi keine Schwierigkeiten. Von Großunternehmen wird in manchen Fällen eine berufliche Ausbildung (ITI) verlangt, z.B. als Elektriker oder Mechaniker. Die Ausbildung besteht aus zwei Jahren technischer Schule und einem Jahr Praktikum im Betrieb. Für diese Ausbildung wird kein Lohn gezahlt, im Gegenteil, es müssen Schulgebühren aufgebracht werden. Daher ist der Anteil der ITI-qualifizierten ArbeiterInnen weiterhin gering, er liegt um die zehn Prozent.
Nur eine kleine Minderheit der FabrikarbeiterInnen spricht Englisch. Kein Englisch zu können ist oft mit einer Art von Minderwertigkeitskomplex verbunden. Englisch ist die Sprache des gesellschaftlichen Aufstiegs: Englisch spricht man in Call Centern, wo man vergleichsweise viel verdient. Englisch ist die Sprache der westlichen Welt, der Wirtschaft, der Politik, der Verwaltung und Gerichtsbarkeit. In diesem Sinne herrscht eine krasse Sprachapartheid in Indien. Selbst viele ‘linke’ Gruppen und Parteien publizieren ihre wichtigeren Dokumente ausschließlich in Englisch. Englisch ist auch eine Grundvoraussetzung für die Benutzung von Computern. Abgesehen davon, dass Computer für die meisten ArbeiterInnen nicht erschwinglich und Internet-Cafes ebenfalls teuer sind, schränken diese Sprachbarrieren den Computer- oder Internetgebrauch ein. Die meisten ArbeiterInnen haben bisher also keine Erfahrungen mit dem Internet gemacht. Auch das Wissen über andere Länder und die Lebenssituation, z.B. von ArbeiterInnen in Europa, ist gering. Im Alltagsleben sind die ArbeiterInnen auch selten mit politischen Parteien konfontiert, seien es linke, rechte oder religiöse Organisationen. Es werden selten Flugblätter verteilt oder Demonstrationen organisiert. Der Haupteinfluss der öffentlichen politischen Sphäre geht von den Tageszeitungen aus. Diese sind vergleichweise billig und werden oft gelesen.
Konsumniveau
Das Konsumniveau des Großteils der (Fabrik-)ArbeiterInnen ist gering. Es muss bereits beim Essen gespart werden. Ein Blick auf die Liste von Löhnen und Preisen genügt, um dies zu erklären. Für LeiharbeiterInnen, also rund drei Viertel des Industrieproletariats, sind Konsumgüter wie Kühlschränke, Waschmaschinen, Roller oder Motorräder nicht erschwinglich. Der erste Schritt in die urbane Konsumwelt sind Fahrräder, Radios, gebrauchte Fernseher und zunehmend Handys. Dieses niedrige Konsumniveau erklärt auch, warum sich viele Konflikte in den Betrieben weiterhin um Kantinenessen, Arbeitskleidung und ähnliches drehen.
Das indische Wirtschaftswunder beruht weiterhin auf der Überausbeutung der ArbeiterInnen. Überausbeutung steht hier nicht als moralischer Begriff, sondern als eine Tatsache, die die Reproduktion der Arbeitskraft gefährdet. Zum einen ist die Arbeitskraft nach zehn, fünfzehn Jahren oft verschlissen. Zum anderen haben viele Arbeiter auf Grund der niedrigen Löhne und der weiten Entfernung zum heimatlichen Dorf das Problem, eine Familie zu gründen, oder besser gesagt, es ist schwierig für sie, wie sonst im Dorf üblich zu verheiraten. Selbst wenn sie eine Familie hätten, so wäre es schwierig, diese in Gurgaon zu unterhalten. Zu den materiellen Problemen kommt, dass sie ähnlich wie die junge Generation von Call-Center-ArbeiterInnen anfangen, fernab vom Dorf die dort üblichen arrangierten Ehen in Frage zu stellen.
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2.2 Beispiele Löhne und Preise
Die folgenden Löhne beziehen sich auf unterschiedliche monatliche Arbeitszeiten, meistens kann eine sechs Tage Woche und ein zehn bis zwölf Stunden Tag angenommen werden. Die Preise beziehen sich auf Gurgaon. Obst und Gemüse in Gurgaon sind bis zu 40 Prozent teurer als in entlegeneren Industriegebieten, die Mieten ebenfalls.
Wechselkurs:
1 US-Dollar = 39 Rs (Oktober 2007)
1 Euro = 56 Rs (Oktober 2007)
Monatslohn:
* BauarbeiterInnen, Reinigungskräfte, Rikshafahrer: 1.000 bis 2.500 Rupies
* ungelernte Leiharbeiter in der Industrie: 1.500 bis 2.500 Rupies
* Security Guards: 2.000 bis 3.000 Rupies
* Mindestlohn in Haryana: 3.510 Rupies
* gelernte Textilarbeiter: 2.500 bis 4.500 Rupies
* Leiharbeiter bei Honda: 3.000 Rupies
* langjähriger Leiharbeiter bei Hero Honda: 5.000 bis 6.000 Rupies
* festangestellter Arbeiter bei Honda: 12.000 Rupies
* festangestellter Arbeiter bei Maruti Suzuki: 16.000 bis 30.000 Rupies
* indischer Bauarbeiter in Dubai: 8.000 bis 9.000 Rupies
* Supervisor und Rekrutierer für Zeitarbeitsunternehmen: 5.000 Rupies
* Pizza Hut-Arbeiter (Nachtschicht): 3.700 Rupies
* frisch eingestellte Call Center ArbeiterIn: 8.000 bis 12.000 Rupies
* spezialisierte/erfahrenere Call Center ArbeiterIn: 18.000 bis 30.000 Rupies
* Uniprofessor: 15.000 Rupies
* Polizist: 8.000 Rupies (offiziell)
Preis:
Nahrung
* ein Kilo rote Linsen: 50 Rs
* ein Kilo Reis: 14 Rupies
* ein Kilo Zwiebeln oder Möhren: 20 bis 35 Rupies
* monatliche Kosten für selbstgekochte nahrhafte vegetarische Ernährung: 2,500 bis 3,500 Rupies pro Person
* McChicken: 40 Rupies
* Flasche Bier (0,7 Liter Kingfisher): 50 bis 70 Rupies
* Zigaretten (10er Pack), billigste Marke: 25 Rupies
* Starbucks-Kaffee (Latte Medium): 59 Rupies
Grundkonsum
* fehlerhaftes Hemd Fabrikverkauf Faridabad: 30 bis 40 Rupies
* Gaskocher, eine Flamme plus neue zwei Liter Gasflasche: 720 Rupies
* zwei Liter Gas (pro Familie zwei bis drei mal im Monat): 100 Rupies
* zwei einfache Stahltöpfe: 250 Rupies
* gebrauchter Kühlschrank: 3.000 – 5.000 Rupies
* schlechtes, gebrauchtes Fahrrad: 600 bis 1.000 Rupies
* ein Liter Diesel: 30 bis 40 Rupies
* Mindest-Mitgift für Heirat der Tochter: 30.000 Rupies (Durchschnitt für Arbeiterfamilien: 80.000 Rupies)
Miete
* monatliche Miete für Plastikplanenhütte in Gurgaon, Chakkarpur pro Person: 400 Rupies
* monatliche Miete für acht Quadratmeter Raum ohne Küche, Toilette und Wasserhahn werden von sechs Familien geteilt (Standard für Arbeiterfamilie): 1.000 bis 1.500 Rupies
* monatliche Miete für kleinen Raum in neuem Gebäude in Gurgaon, eigene Toilette und Badezimmer: 4.500 bis 8.000 Rupies
Transport und Kommunikation
* Busticket zum nächsten größeren Busbahnhof in Süd-Dehli: 14 Rupies
* eine Stunde Internet-Cafe: 15 bis 20 Rupies
* Startpaket für Handys (ohne Handy): 300 Rupies
* Anruf Handy zu Handy pro Minute: 1 bis 2 Rupies
* monatliche Handy-Flatrate: 1.500 Rupies
* Tageszeitung: 3 Rupies
* Kino in einer Shopping Mall (Samstag): 160 Rupies
* Eintritt Freibad: 100 Rupies
* Führerschein in Haryana: 2.000 bis 2.500 Rupies
Luxus
* vier Stunden Golfen: 800 Rupies
* Compaq Laptop: 50.000 Rupies
* Flug Delhi – London: 28.000 Rupies
* billigstes Hero Honda Motorrad (150 ccm): 40.000 Rupies
* Ford Fiesta: 587.000 Rupies
* Maruti Suzuki Kompaktwagen SX4: 690.000 Rupies
* zwei Zimmer Appartment plus Küche, Balkon in neuem Appartmentblock: 10.000.000 bis 50.000.000 Rupies
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2.3 Die Reproduktion und Frauen/Hausarbeit
Frauenerwerbsquote
Für die Familienväter ist es schwierig, die Familie nachkommen zu lassen bzw. in vielen Fällen werden Frauen und Kinder wieder zurück auf das Dorf geschickt, weil die Lebenshaltungskosten in Gurgaon zu hoch sind und die Frauen auf Grund von Hausarbeit, aber vor allem auf Grund der für Nordindien spezifischen Moralvorstellungen meist keiner Lohnarbeit nachgehen. Anders als in China oder Vietnam ist der Frauenanteil an der ‘neuen ArbeiterInnengeneration’ gering. Ihre Lohnarbeitsquote beträgt in Nordindien offiziell weniger als zehn Prozent. Wenn morgens Tausende von ArbeiterInnen zu Fuß in die Textilindustriezonen ziehen, machen Frauen eine kleine Minderheit aus. In einigen Sektoren werden sie bevorzugt eingestellt, in erster Linie nicht wegen der Tätigkeit (Kabelmontage, Löten), sondern weil sie als noch unverheiratete Frauen keinen Anspruch auf eine Festeinstellung stellen werden, da die Lohnarbeit allgemein nur als Übergang in die Hausarbeit gesehen wird.
Gender-Regime
Die Orte für freie bzw. öffentliche Zusammenkunft von Männern und Frauen sind daher beschränkt. Auf der Straße sind Frauen in der Minderheit, und man sieht nur sehr selten, dass sich Männer und Frauen dort unterhalten. In den Fabriken arbeiten wenige Frauen, und wenn sie dort arbeiten, dann meist unter dem unternehmerischen Moralregime, d.h. sie sitzen in der Kantine separat und falls die herrschende Moral intensivere Gespräche am Arbeitsplatz nicht im voraus unterbindet, dann tun dies die Vorarbeiter. Junge Gewerkschafter bei Honda, die CNC-Maschinen einrichten können und bereits mit Anfang 20 nach einer harten Auseinandersetzung zu Vertretern von Hunderten von ArbeiterInnen im industriellen Kernbereich avanciert sind, haben ihre Ehefrauen erst durch ihre Eltern kennengelernt. Ausnahme bei der rigiden geschlechtlichen Arbeitsteilung sind BauarbeiterInnen, die als unterste Schicht zusammen mit ihren Familien in der Öffentlichkeit arbeiten und die ArbeiterInnen in Call Centern, in denen ein vergleichsweise offenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern möglich ist.
Es gibt zwar Kämpfe, in denen Frauen im Mittelpunkt stehen, z.B. gegen mangelnde Wasserversorgung oder als Familienangehörige bei den Auseinandersetzungen nach dem Angriff auf die Honda-Arbeiter, aber ohne die Fabrik als Ort der Zusammenkunft vollzieht sich der moralische Wandel nur langsam. Eingeklemmt zwischen einem niedrigen Lohn, der kein Familienlohn ist, der herrschenden Moral, die Frauenlohnarbeit ablehnt und konfrontiert mit Schwierigkeiten der Urbanisierung (Mangelversorgung, zerrissene soziale Strukturen) entlädt sich der entstehende Druck oft innerhalb der Familien, die nun nach Abkehr vom Dorf erstmals ‘Kleinfamilien’ sind. Der folgende Kurzbericht aus einem der Hinterhöfe zeigt die mit der Hausarbeit verbundene gesellschaftliche Isolation deutlich.
Isolation Hausarbeit, ein Bericht
“Hinter den Shopping Malls im neuen Zentrum von Gurgaon, im Hinterhof eines gediegenen Hauses einer Familie ehemaliger Bauern. Im ersten Stock des Flachbaus gibt es sechs kleine Zimmer, jedes acht Quadratmeter groß. Die Zimmer teilen sich einen kleinen Vorhof, eine Latrine und einen Wasserhahn. In einem der Zimmer leben drei Brüder aus Uttaranchal, ebenfalls drei Männer wohnen im zweiten, im dritten Zimmer eine fünfköpfige Familie aus Himanchal, im vierten Raum eine fünfköpfige Familie aus Bihar, im fünften ein alleinstehender Mann und im sechsten Zimmer eine vierköpfige Familie aus Orissa.
Die Männer arbeiten in Fabriken, als Wachleute, Fahrer, Hilfskräfte im Supermarkt. Die Verwandten aus Uttaranchal haben bis vor wenigen Monaten mit ihren Frauen und Kindern in Gurgaon gewohnt, haben diese aber wegen der hohen Lebenshaltungskosten zurück ins Dorf geschickt. Die verbleibenden drei Frauen aus Uttaranchal, Bihar und Orissa machen die Hausarbeit für ihre jeweiligen Familien und kümmern sich um die Kinder. Sie teilen sich die Arbeit nicht, d.h. sie kochen nicht zusammen, sie waschen nicht zusammen. Die Latrine wird von einem Mann der Unterkaste zwei Mal in der Woche gereinigt. Trotzdem arbeiten sie nicht allein, d.h. sie sitzen zusammen und reden, wenn sie auf die Kinder aufpassen oder bitten die andere, etwas vom Markt mitzubringen. Sie verlassen das Stockwerk meist nur für eine halbe Stunde am Tag, um zum Markt zu gehen oder die Kinder von der Schule abzuholen.
Der Ehemann aus Orissa hat nur tageweise Arbeit. Meist arbeitet er als Anstreicher oder macht kleine Arbeiten für die Familie des Vermieters. Im Vergleich zu den anderen Männern scheint er größere Probleme zu haben, sich in Gurgaon einzuleben. Ab und zu kommt ein ehemaliger Vermieter vorbei und fordert Mietschulden ein. Dann taucht ein weiterer männlicher Verwandter aus Orissa auf. Er ist 18 Jahre alt und will in Gurgaon eine Schule besuchen. Die Familie nimmt ihn auf, und jetzt hängen fünf Leute von einem unsicheren Einkommen ab. Ab und zu gibt es Krach. Der Ehemann schreit seine Frau an, und meist kommen die zwei Nachbarinnen, um den Krach zu unterbinden.
Nach einem Monat zieht die Familie aus Uttaranchal aus. Der Mann hat einen anderen Job gefunden, die Frau und die Kinder aus Bihar gehen zurück ins Dorf, wohl auch wegen der Sommerhitze. Die Frau aus Orissa bleibt jetzt mit ihrem Kleinkind und einem vierjährigen Jungen allein.
Ihr Tag beginnt um fünf Uhr. Sie wäscht ihre Kleidung so früh wie möglich, denn ab sechs Uhr nutzen die Männer und Schulkinder den Wasserhahn und zwischen neun Uhr morgens und acht Uhr abends wird das Wasser abgestellt. Die Hausarbeiten sind aufwendig. Die Kleidung wird mit der Hand gewaschen, das Essen wird auf einem einflammigen Gaskocher gekocht, der Gang zum Markt mit zwei Kleinkindern ist anstrengend. Ihr Arbeitstag endet um elf mit dem Abwasch des Abendessens. Sie spricht kaum mit den männlichen Nachbarn. So bleiben nur die Männer ihrer Familie für Gespräche.
Die Situation verschlechtert sich als eines der Kinder krank und Geld für Medizin gebraucht wird. Die Streitereien nehmen zu. Er beschwert sich über das karge Essen, sie darüber, dass er trinkt und kein Geld nach Hause bringt. Er schlägt sie regelmäßig vor den Augen der Nachbarn und der Kinder. Die Nachbarn sagen, dass sie kein Recht haben, einzuschreiten, das seien Familienangelegenheiten. Nach zwei Wochen fast täglicher Streiterei und Gewalt interveniert schließlich die Frau des Vermieters. Sie will keinen Krach im Hinterhof. Kurz darauf kommt der alte Vermieter und fordert die seit Wochen ausstehende Miete.
Schließlich schmeißt die Frau aus Orissa die Klamotten des jungen Verwandten vor die Tür, schlägt ihn und wirft ihm vor, zu viel Geld für sein Handy auszugeben und vor den Shopping Malls rumzuhängen. Mehr Schläge vom Ehemann, Intervention der Frauen der Vermieterfamilie, die wiederum die Frau aus Orissa für verrückt erklären, weil sie schreit und sich selbst schlägt.
Mit der Zeit zeigt sich immer deutlicher, dass alle Mitglieder der Familie unter enormem psychischem Druck stehen. Die Frau redet oft mit sich selbst, der Mann sitzt oft stundenlang schweigend in einer Ecke, der vierjährige ist hyperaktiv. Die Eheleute wissen, dass der nächste Schritt der Abstieg in einen der Plastikplanenslums oder die Rückkehr ins Dorf bedeutet. Trotz aller Gewalt bleibt beiden nichts anderes übrig, als zusammenzubleiben. Eine alleinstehende Frau kann nur schwer überleben, materiell und unter der Moral der Gesellschaft.”
Das Beispiel im Bericht ist nur in begrenztem Maße repräsentativ. Es gibt viele Situationen, vor allem in den Plastikplanenslums, in denen größere Gruppen von Frauen öffentlich zusammenkommen. Da aber auch diese Slums temporär sind, ist es insgesamt eine schwierige Situation für die Entwicklung von Kollektivität in der Reproduktion. Verallgemeinerbar ist das Problem der häuslichen Gewalt, verschärft durch das historisch bis Ende der Kolonialzeit auf die oberen Schichten beschränkte Mitgiftsystem. Dieses Mitgiftsystem treibt Hunderttausende proletarischer Familien in den Ruin und trägt maßgeblich zur Brutalisierung der Situation in den Familien bei und verschärft außerdem die zahlenmäßige Geschlechterdiskrepanz: in Haryana kommen auf 1.000 Männer lediglich 830 Frauen. Außerhalb von Indien wurde Gurgaon bisher zweimal bekannt: durch die Polizeirepression gegen die Honda-Arbeiter und den Fund dutzender weiblicher Föten in einem Kanal neben einer privaten Klinik. Die häufigste Todesursache bei Frauen zwischen 18 und 40 soll auf häusliche Gewalt zurückzuführen sein. In einigen Regionen Indiens haben sich Frauenbewegungen herausgebildet, die gegen häusliche Gewalt vorgehen, oft indirekt, in dem sie z.B. die Alkoholverkäufer angreifen. In Gurgaon würfeln Migrationsschübe Lebenszusammenhänge oft neu zusammen. Der Zusammenhang des Dorfes ist mit dem Gang in die Stadt zerrüttet worden, sowohl die rigiden Kastenstrukturen, als auch der soziale Zusammenhang an sich, der es in diesem Fall der Frau eher erlaubt hätte, die häusliche Gewalt anzuprangern.
2.4 Die allgemeinen Arbeitsbedingungen
Der geringe Lohn, der kein Familienlohn ist und die langen Arbeitszeiten verschärfen die oben beschriebenen Spannungen. Wir können Arbeitszeiten, Lohn und Arbeitsbedingungen auf der Ebene der LeiharbeiterInnen verallgemeinern, denn sie machen rund drei Viertel der Industrie-ArbeiterInnen aus und die Unterschiede zwischen einzelnen Sektoren sind gering. Ein normaler Monatslohn liegt demnach zwischen 2.000 und 3.000 Rupies, die Arbeitszeiten bei 12 Stunden pro Tag, sechs oft sieben Tage die Woche. Damit ist die Lohnschere zwischen der Mehrzahl der ArbeiterInnen und den festangestellten ArbeiterInnen enorm. In den meisten Fällen verdienen LeiharbeiterInnen nur ein Sechstel des Festangestelltenlohns. Die gesetzlichen Bestimmungen (siehe Kasten) gelten für die meisten ArbeiterInnen nicht. Die Tatsache, dass die meisten ArbeiterInnen weder kranken- noch arbeitslosenversichert sind, bedeutet auch, dass sie als ArbeiterInnen offiziell gar nicht existieren. Lohnausfall und Behandlungskosten bei Krankheiten fressen Ersparnisse auf oder sorgen für Verschuldung. Neben den niedrigen Löhnen und langen Arbeitszeiten gibt es weitere allgemeine Probleme.
Löhne werden oft verspätet und unvollständig ausgezahlt. Verbale und körperliche Misshandlungen durch Vorgesetzte sind an der Tagesordnung. ArbeiterInnen werden oft ohne Vorwarnung nach Hause geschickt, z.B. wenn sie zu spät kommen oder wenn Material fehlt. Sanitäre Einrichtungen und Trinkwasserversorgung sind oft mangelhaft. Die Frage des (mangelnden) Kantinenessens ist von großer Bedeutung, ebenso die Frage, ob das Unternehmen Arbeitskleidung und Schuhe stellt. Die Arbeit an sich ist oft gesundheitsgefährdend und das Unfallrisiko hoch. Großunternehmen wie Maruti haben viele ‘gefährliche’ Arbeiten an kleinere Fabriken ausgelagert, in denen es z.B. keine Abzugsanlagen gibt oder in denen an alten Pressen und Stanzen gearbeitet wird. Täglich werden Hände verstümmelt. In Konfliktsituationen werden ArbeiterInnen oft mit bezahlten Schlägern oder im Sinne der Unternehmer agierenden Polizisten konfrontiert.
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2.5 Wichtigste Eckpunkte des Arbeitsrechts
Mindestlohn
Seit Juni 2007 beträgt der Mindestlohn für ungelernte Tätigkeiten 3.510 Rupies im Monat. Er wurde 2007 um rund 1.000 Rupies aufgestockt, was viele überraschte. Die 3.510 Rupies beziehen sich auf einen acht Stunden Tag und eine sechs Tage Woche. Ein Großteil der ArbeiterInnen bekommt diesen Mindestlohn nicht.
Überstunden
Bei einer gesetzlichen Normalarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche (sechs Tage), dürfen nicht mehr als 50 Überstunden in drei Monaten geleistet werden. Diese Überstunden müssen laut Gesetz mit 100 Prozent Zuschlag gezahlt werden. Dies geschieht fast nie, und normal sind 100 bis 200 Überstunden pro Monat.
Leiharbeit
In Nordindien sind die meisten IndustriearbeiterInnen über ‘contractors’, also Kontraktoren bzw. Leihfirmen eingestellt. In und um Delhi stellen sie 60 bis 90 Prozent der Belegschaft. Dieses Netz von Zeitarbeitsunternehmen ist relativ informell. Es gibt wenige Großunternehmen, die bis zu 1.000 ArbeiterInnen in einer Fabrik stellen und, wie im Fall von Honda HMSI, eigene Büros in der Fabrik haben. Viele Kontraktoren beschäftigen nicht mehr als 100 bis 200 ArbeiterInnen. Nicht wenige sind halb mafiös organisiert, mit starker Verstrickung der lokalen politische Klasse und der Dorfhierarchie. Es gibt auch viele Kleinstunternehmen oder einzelne Festangestellte fungieren als offizielle Kontraktoren. Die LeiharbeiterInnen arbeiten dann oft über lange Zeiträume in einem Unternehmen. Laut Gesetz müssen sie nach 240 Tagen fest vom Unternehmen übernommen werden, aber dies geschieht nicht. Unternehmen ignorieren das Gesetz, beschäftigen sie über Scheinfirmen weiter oder stellen sie nach einer Zwangspause wieder ein. Viele Unternehmen haben Lizenzen, die den Einsatz von Leiharbeit auf Randbereiche (Kantine, Reinigung) beschränken. Auch diese Auflagen werden weitestgehend ignoriert.
Krankenversicherung ESI / Employee’s State Insurance
Wurde im Jahr 1948 eingeführt um die Beschäftigten im Falle von Krankheit und Arbeitsunfällen zu versichern und um medizinische Einrichtungen (ESI Krankenhäuser) zur Verfügung zu stellen. Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten müssen in die ESI einzahlen und den Beschäftigten ESI-Ausweise besorgen. Das Unternehmen muss 4,75 Prozent und der Beschäftigte 1,75 Prozent des Lohns abführen. Offiziell müssen sowohl befristete als auch LeiharbeiterInnen, die in einem Betrieb beschäftigt sind – sei es als BauarbeiterInnen, Reinigungskräfte oder InstandhaltungsarbeiterInnen – über den Betrieb versichert werden. Tatsächlich bekommt nur eine Minderheit ESI.
Arbeitslosen- und Rentenversicherung PF /Employee’s Provident Fund
Wurde im Jahr 1952 eingeführt um ArbeiterInnen mit einer Rente zu versorgen. Offiziell müssen alle Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten in diese Kasse einzahlen. Eingezahlt werden rund sieben Prozent des Lohns, sowohl von Beschäftigtem als auch Unternehmen. Offizielles Rentenalter ist 58 Jahre (durchschnittliche Lebenserwartung 63 Jahre). Sowohl befristete als auch LeiharbeiterInnen haben ein Anrecht, über den Betrieb versichert zu werden. De facto bekommen die wenigsten ArbeiterInnen PF, was auch heißt, dass sie offiziell nicht als ArbeiterInnen geführt werden. Die ArbeiterInnen die PF bekommen, müssen ‘die Rente’ in erster Linie dafür nutzen, um Zeiten der Arbeitslosigkeit zu überbrücken.
Beispiele für reale Arbeitsbedingungen
Hier ein paar kurze Beispiele aus Faridabad und Gurgaon 2006, die deutlich machen, dass das Arbeitsrecht de facto nur auf dem Papier existiert:
Essar Steel Arbeiter:
Es werden täglich zwöf Stunden gearbeitet, die Überstunden nur einfach bezahlt. Die Helfer kriegen 1,950 Rupies. Es gibt weder PF noch ESI.
Mahawir (Gussverarbeitung) Arbeiter:
Wir arbeiten zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Überstunden werden einfach bezahlt, wir Leiharbeiter bekommen 2,000 Rupies im Monat.
Inotech Engineering Arbeiter:
Der Lohn der befristeten Arbeiter beträgt 2,400 Rupies, kein PF oder ESI. Die Schichten laufen von acht morgens bis halb elf nachts.
JBC (Erdbewegungsmaschinen) Arbeiter:
Nur zehn Prozent der Belegschaft sind festeingestellt, der Rest Leiharbeiter. Wir arbeiten oft länger als zwölf Stunden pro Tag. Überstunden werden einfach bezahlt. Oft fehlen am Ende des Monats vier oder fünf Tage Lohn auf der Abrechnung.
Venus Metal (Autozulieferer) Arbeiter:
Rund 80 Prozent der Leute sind Leiharbeiter. Abgesehen von der Lackabteilung arbeiten wir zwölfeinhalb Stunden am Tag. Das Unternehmen gibt uns für diese Zeit nicht mal eine Tasse Tee. Es gibt kaum Platz, keine Frischluft.
High Tech Arbeiter:
Die Helfer kriegen 2.000 Rupies im Monat, der Lohn wird meist erst verspätet gezahlt. Am Ende fehlen immer 100 bis 500 Rupies. Wenn die Kontrolle der Arbeitsbehörde kommt, werden wir alle aus der Fabrik gejagt. Wenn man nach seinem Lohn fragt, schüchtern einen die Kontraktoren ein.
Escorts (Traktoren) Arbeiter:
Die festangestellten Arbeiter haben ihr gesetzlich vorgeschriebenes Bonusgehalt für Divali (indischer Feiertag) bekommen, die Befristeten nicht. Als Befristeter wird man für jeden kleinen Fehler rausgeschmissen. Dabei muss man 500 Rupies Schmiergeld zahlen, um genommen zu werden.
Vaibav Engineering Arbeiter:
Acht Leute sind festangestellt, 120 befristet. Die befristeten Helfer bekommen 1.650 Rupies. Es gibt weder PF noch ESI. Ein Zwölf-Stunden-Tag.
2.6 Berichte von ArbeiterInnen
Im folgenden Berichte von ArbeiterInnen über ihren Arbeitsalltag. Ein junger Textilarbeiter berichtet, wie er vom Dorf nach Delhi kam und wie dort sein Tagesablauf und Fabrikalltag aussieht. Ein Metallarbeiter erzählt, wie die Unternehmensleitung die Polizei in die Fabrik ruft, um aufrührerische Arbeiter loszuwerden. Im Bericht einer Mutter erfahren wir, wie ihr Sohn in der Fabrik verunglückt und wie das Unternehmen versucht, ihn loszuwerden. Am Schluss erzählt ein ausrangierter älterer Fabrikarbeiter über seine jetzige Arbeit als Wachmann.
Ein 19-jähriger Textilarbeiter
Ich stehe morgens um halb sieben auf. Für das sechs Quadratmeter große Zimmer zahlen wir drei rund 910 Rupies im Monat. Das Haus hat zwei Stockwerke, insgesamt 15 Zimmer, der Vermieter wohnt woanders. Auf den Stockwerken gibt es jeweils eine Latrine. Momentan sind drei oder vier Räume leer, von daher ist die Schlange vor der Latrine nicht zu lang. Es gibt kein Badezimmer, die Männer waschen sich draußen, die Frauen in den Räumen. Das Haus, in dem ich vorher gelebt habe, war wesentlich vollgestopfter und die Miete lag mit 920 Rupies auch höher. Um sieben Uhr wäscht einer von uns die Alu-Töpfe ab, der andere macht Rotis aus Weizenmehl, der dritte bereitet das Gemüse zu. Um 8:30 Uhr, nachdem wir die Rotis gegessen haben, machen wir uns auf den Weg zur Arbeit. Momentan arbeite ich in der Anand Internationals-Fabrik in Okhla. Bereits ab Arbeitsbeginn um 9 Uhr müssen wir uns abmühen, das Soll zu erfüllen. In letzter Zeit fertigen wir Krawatten. Zuerst gab uns das Unternehmen 12 Minuten pro Krawatte, dann 11 Minuten, 10-9-8 und jetzt 7 Minuten. Weil das Soll zu hoch war, verließ ich die andere Anand Internationals-Fabrik. Dort haben sie uns am ersten Tag 20 Minuten pro Hemd gegeben, am zweiten 19 Minuten und so ging es weiter bis auf 10 Minuten. Du musst die Arbeitsgeschwindigkeit so sehr beschleunigen, dass der Körper gar nicht hinterherkommt, und die Arbeit braucht den Körper auf.
Mein Vater ist ein Kunsthandwerker. Er stellt Geschirr aus Metall her. Reiche Leute des Handwerks luden ihn nach Kanpur, Nagpur oder Nepal ein. Heutzutage gibt es Geschirr aus Stahl oder Aluminium, da sind Teller oder Wasserbehälter aus Messing oder Kupfer nicht mehr gefragt.
Im Dorf habe ich die Schule nach der siebten Klasse verlassen und Nähen gelernt. Als ich fünfzehn war, also 2002, bin ich mit einem Onkel nach Delhi umgezogen. Er hat mir dort eine Arbeit in der Raj Mataar-Fabrik in Okhla besorgt. Anstatt der kleinen Nähmaschinen wie auf dem Dorf gab es dort große ‘Zukki’-Maschinen (Japanische Firma) und ‘Fashion Production’. Während der ersten vier Monate, der sogenannten ‘Lernen und Arbeiten’-Probezeit, habe ich jeden Tag von neun morgens bis eins in der Nacht gearbeitet. Das Unternehmen machte ganz klar Druck “Mach mit, oder geh”. Mein Onkel sagte auch, dass ich am Ball bleiben sollte. Ich war noch im Wachstum und nach vier Monaten harter Arbeit wurde ich krank. In Delhi nahm ein Arzt, Doktor Usha Maheshvari 200 Rupies Gebühr und diagnostizierte Tuberkulose. Ich ging zurück ins Dorf. Dort nahm Doktor Pande 20 Rupies und stellte ein schlechtes Blutbild fest. Ich blieb vier Monate im Dorf, kaufte Medizin im Laden von Doktor Pande, der im übrigen 20 Prozent überteuert war, und blieb in Behandlung. Zurück in Delhi begann ich bei PeeEmparo Exports. Ich arbeitete dort drei Jahre, das Unternehmen übernahm weder Kranken- noch Arbeitslosenversicherung. Alle acht bis neun Monate kehrte ich nach Ilahabad zurück, um die Behandlung fortzuführen, bis ich mich mit jemandem in Okhla anfreundete, der mich dort behandeln konnte.
Dann in der Anand Internationals-Fabrik arbeiten wir von neun Uhr morgens bis zwölf nachts. Wegen nichterfüllten Stückzahl-Solls hatte ich bei der Abrechnung der letzten 15 Arbeitstage ein Minus von 30 Stunden. Das Unternehmen strich fast 500 Rupies von meinem Lohn. In der Fabrik ist man ganz fanatisch auf die Soll-Erfüllung ausgerichtet. Wenn du Pinkeln gehen musst, gibt es Minus, wenn du Wasser trinken gehst, gibt es Minus. Man geht nur pissen oder trinken, wenn es nicht mehr anders auszuhalten ist. Rund 500 Männer und Frauen arbeiten in der Fabrik, aber es gibt nur jeweils eine Latrine im Erdgeschoss. Dort steht man immer Schlange.
Nur während der Mittagspause um Viertel nach eins verlassen wir die Maschinen. Auf dem Schild in der Kantine steht, dass ein Essen acht Rupies und der Tee anderthalb Rupies kosten, tatsächlich zahlt man aber zwölf und zwei Rupies. Wenn man nachfragt, sagen sie, dass das Schild nur zur Schau dort hängt. Die Mittagspause beträgt 45 Minuten, und damit die Leute die Fabrik schnell verlassen können, haben sie zwei Security Guards zur Kontrolle aufgestellt. Um Mitternacht, zu Feierabend, bilden sich lange Schlangen, weil nur ein Security Guard auf dem Posten ist. Dann braucht man mehr als zehn Minuten, um die Fabrik zu verlassen. Während der Mittagspause gehe ich zurück zum Zimmer, da gibt es das Essen, was wir am Morgen vorbereitet haben. Nach dem Essen lasse ich das Geschirr so wie es ist, um wenigstens etwas Zeit zum Ausruhen zu haben.
Um zwei Uhr sind wir zurück in der Fabrik, hinter den Maschinen. Um vier Uhr gibt es noch eine viertelstündige Teepause. Dann bis um sechs Uhr abends wieder hinter der Maschine. Dann noch eine Teepause und etwas Essen vom Straßenstand.
In der Fabrik stehen 300 Nähmaschinen, alle im Erdgeschoss, dort ist es sehr heiß. Selbst im Winter schwitzt man. Man kriegt keine Luft. Von den 300 Arbeitern sind vielleicht zehn gesund, alle anderen haben diese oder jene gesundheitlichen Probleme. Keiner von uns hat eine Krankenversichertenkarte. Wir zahlen alle privat für Behandlungen und wenn du krank wirst, feuert dich das Unternehmen. Im ersten Stock der Anand Internationals-Fabrik sind die Büros, in den zwei Stockwerken darüber die Finishing-Abteilung: Fäden kürzen, Flecken entfernen, bügeln, verpacken. Im vierten Stock sind Leute, die zwischen 15.000 und 20.000 Rupies verdienen, die reden nicht mit uns. Im fünften Stock, neben der Kantine, werden Chemikalien für das Waschen der Stoffe vorbereitet.
Weil sie uns momentan bis um Mitternacht arbeiten lassen, kriegen wir eine halbe Stunde Pause um halb neun abends. Wir essen am Straßenstand. Das Unternehmen gibt uns 20 Rupies für das Essen. Dann von neun bis um zwölf hinter der Maschine.
Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, lasse ich das Geschirr so, wie es seit der Mittagspause ist. Ich gehe gegen ein Uhr schlafen.
Es gibt keinen freien Tag, wir arbeiten auch am Sonntag. Die Abordnungen der Importeure von GAP und Lenson kündigen ihre Besuche an, dann arbeiten wir nur bis um sechs Uhr abends.
In der Fabrik sind die Unterhaltungen nicht so, wie sie sein sollten, Leute Verhalten sich nicht so, wie sie sollten – Beleidigungen, Beschimpfungen, Lügen, Übertreibungen, kleinere Betrügereien. Wenn ein Stück schlecht bearbeitet worden ist, bekommst du einen Anschiss vom Meister oder Vorarbeiter. Zu Hause bekommst du einen Anschiss vom Vermieter, wegen des Wasser- und Stromverbrauchs.
Wenn die Arbeit schon um neun Uhr abends endet, geht einer von uns auf den Markt um Gemüse zu kaufen. In Okhla ist der Markt immer überfüllt, selbst um zehn Uhr nachts. Die Leute packen ihre Stände erst um Mitternacht zusammen. Wir kaufen Gemüse, Reis, Linsen, Öl, Gas und Seife zusammen und jeder Paisa (kleinste Einheit der Rupie) wird im Buch festgehalten. Wir haben in jeder Hinsicht gelernt, alles separat festzuhalten, was jeder von uns ausgibt. Momentan lebe ich mit engen Verwandten. Für Essen und Miete gibt jeder von uns 1.100 Rupies aus, dazu kommen täglich 10 Rupies für Essen in der Fabrik. Wenn du von neun Uhr morgens bis Mitternacht arbeitest bekommst du 5.000 Rupies im Monat, für die 12-Stunden Schicht 4.000 Rupies. Ich schicke Geld zurück ins Dorf, denn man weiß nie, ob man wieder krank wird und wieviel es einen kostet. In den letzten vier Jahren in Delhi ging es mir körperlich nie gut – die Krankheit hat mich 30.000 bis 32.000 Rupies gekostet. Was gibt es da für Hoffnung? Man muss einfach weitermachen.
Ein MG Export Metallarbeiter
In der Fabrik werden Geschirr, Töpfe und Armaturen aus Aluminium und Stahl hergestellt, teilweise wird dies exportiert. Das Unternehmen versorgt 67 Beschäftigte mit Kranken- und Arbeitslosenversicherung. 20 von ihnen gehören zum unteren und mittleren Management. Zudem arbeiten 235 Befristete im Werk. Verglichen mit anderen Zeiten ist ihre Anzahl momentan gering. Selbst nach zweieinhalb Jahren durchgehender Beschäftigung im Unternehmen bleiben sie Befristete und bekommen weder Kranken- noch Arbeitslosenversicherung.
MG Export lässt zwei 12-Stundenschichten laufen, allerdings musst du nach einer 12-Stundenschicht am nächsten Tag sowohl Tag- als auch Nachtschicht arbeiten. Diese Schicht fängt morgens um acht Uhr an und endet am nächsten Tag um halb fünf nachmittags. Eine 36 1/2-Stundenschicht.
Am Sonntag soll es aussehen, als sei die Fabrik geschlossen, tatsächlich läuft die Produktion von sieben Uhr morgens bis halb vier nachmittags. Im gleichen Industriegebiet gibt es drei andere Fabriken, die so aussehen, als seien sie nachts geschlossen. MG Export nutzt sie für weitere Nachtschichten.
MG Export zahlt den Helfern 1.900 Rupies, den Maschinenbedienern 2.300 Rupies. Am Zahltag müssen sowohl Arbeiter als auch Angestellte einen inoffiziellen Lohnzettel unterschreiben, die Überstunden sind nicht aufgeführt. Drei Tage nach Zahlung müssen sie dann im offiziellen Lohnbuch unterschreiben, dass sie den Mindestlohn erhalten haben. Dieser beträgt rund 2.600 Rupies für Helfer, für einen 8-Stunden-Tag, eine 6-Tage-Woche.
Am 15. Februar 2007 machten der Geschäftsführer und der Fabrikleiter Runden im Werk, so zwischen ein und vier Uhr nachmittags. Während dieses Rundgangs beschimpfte und trat der Geschäftsführer einen Maschinenbediener, Grund war ein unbedeutender Arbeitsfehler. Vor allen anderen Arbeitern schlug und trat er den Maschinenbediener.
Die Leute hatten am 15. Februar um acht Uhr angefangen zu arbeiten, sie sollten bis zum nächsten Tag um halb fünf nachmittags durcharbeiten. Die Arbeiter an den Pressen verließen das Werk aber bereits um acht Uhr abends am selben Tag. Es gibt zwölf hydraulische Pressen im Werk, diese standen von acht bis halb zehn abends. Die leitenden Angestellten riefen Leute der zweiten Schicht von zu Hause, aber in dieser Nacht liefen nur drei der zwölf Pressen.
Anstatt zur Arbeit zu gehen, versammelten sich die Maschinenbediener am 16. Februar auf einem Platz in der Nähe der Fabrik. Der Vorarbeiter kam zu ihnen und schleppte sie um halb zehn in die Fabrik. Die Arbeiter fingen an zu produzieren. Drei Stunden später rief die Geschäftsleitung die Polizei ins Werk. Die Polizei nahm vier Arbeiter der Pressen-Abteilung mit zur Polizeistation in Mujesar. Zwei Arbeiter wurden kurz danach wieder zurück zur Fabrik geschickt, die anderen beiden wegen Diebstahls angezeigt… von den beiden Polizisten, die zuvor zwölf Metallschüsseln aus der Fabrik haben mitgehen lassen. Einer der beiden angezeigten Arbeiter war jener, welcher vom Geschäftsführer geschlagen worden war, der andere sein Freund. Die Polizisten bedrohten die Arbeiter, schüchterten sie ein, bis sie schließlich abends die Kündigung unterschrieben. Die Polizei beantragte die Zahlung des ausstehenden Lohns bei der Geschäftsleitung. Von der letzten Lohnzahlung steckten sich die Polizisten jeweils 500 Rupies ein. Das Gesetz dient der Ausbeutung und es herrscht Freiheit, über das Gesetz hinaus auszubeuten.
Eine Mutter, deren Sohn in der Jainendra Industries Fabrik verletzt wurde
Nachdem mein Mann gestorben war, kam ich vor gut 14 Jahren zu Verwandten nach Faridabad, um hier die Kinder aufwachsen zu lassen. Im Januar 2007 fing mein Sohn Rahul bei Jainendra Industries an. Es ist eine große Fabrik mit über 500 Beschäftigten, sie machen Gussarbeiten.
Sie arbeiten 12-Stunden tags oder nachts. Manchmal musste Rahul auch 36 Stunden in der Fabrik bleiben. Am 17. Februar 2007 verließ Rahul morgens das Haus und kehrte abends nicht heim. Ich dachte, das Unternehmen würde ihn Überstunden machen lassen. Am Abend des 18. Februar war Rahul noch nicht zurück. Ich erfuhr erst zufällig durch einen Bekannten, dass sie Rahul ins Krankenhaus gebracht hatten.
Am 17. Februar wurde der 20 jährige Rahul von einem Materialaufzug eingequetscht, er erlitt eine tiefe Schnittwunde im Bauchbereich, einen Darmriss. Rahul lag dem Tode nahe und ohnmächtig auf dem Werkstattboden, aber dem Unternehmen war es wichtiger, die Angelegenheit zu vertuschen. Die anderen ArbeiterInnen schalteten die Maschinen aus, und erst dann ließ das Unternehmen Rahul in ein Krankenhaus bringen.
Aber anstatt Rahul zu einem öffentlichen Krankenhaus zu bringen, schickten sie ihn zu einem weiter entfernten Pflegestation. Er wurde zweimal operiert. Erst nähten sie die Eingeweide zusammen, dann die Bauchdecke. Die schwere Hüft- und Rückenverletzung wurde nicht behandelt. KollegInnen von Jainendra spendeten Blut…
Als wir Verwandten am 19. Februar zur Pflegestation kamen, verschwanden die vom Unternehmen geschickten Leute. Der Doktor schien auch wie jemand, der für das Unternehmen arbeitet. Er gab uns keine Papiere oder Krankendokumentationen. Rahuls Zustand stabilisierte sich, der Doktor wollte, dass wir ihn mitnehmen, aber seine Wunden waren noch zu frisch.
Die vom Unternehmen geschickten Leute hatten ein Rahul fotographiert, wie er ohnmächtig auf der Krankenhausbahre lag. Sie benutzten dieses Foto, um Arbeitsdokumente zu fälschen. Laut der gefälschten Dokumente wurde Rahul erst fünf Tage vor dem Unfall eingestellt, tatsächlich arbeitete er schon seit Januar für das Unternehmen. Im Unfallbericht stand auch, dass er von Kushvaah and Company beschäftigt worden ist, nicht von Jainendra. Obwohl Rahul wegen der Rückenverletzungen kaum aufrecht stehen konnte, gab ihm der zuständige Arzt eine positive Tauglichkeitsbescheinigung für den 8. Mai 2007. Ich bin mit Rahul sowohl zu Jainendra als auch zu Kushvaah and Company gegangen, aber beide Unternehmen weigerten sich, Rahul wieder einzustellen…
Ein Arbeiter von Haryana Industrial Security Services (HISS)
Die rund 2.500 Beschäftigten von HISS arbeiten in 500 verschiedenen Fabriken als Security Guards. Dazu kommen noch 1.000 Leute, die von HISS als Reinigungskräfte, Hilfskräfte und Facharbeiter verliehen werden. Die Tatsache, dass man keinen Tag frei hat, bedeutet vor allem für die ArbeiterInnen ohne Familie enormen Stress. Sie schaffen die täglichen Besorgungen kaum: Wasser holen, Einkaufen gehen, Wäsche waschen, Essen kochen. Ein Wachmann findet nie Zeit, Freunde zu besuchen. Sie sind seelisch und geistig am überkochen. Wenn man zwölf Stunden oder gar 24 Stunden am Stück arbeiten muss, dann läuft man herum wie eine Leiche. Und die Arbeit ist nicht einfach. Wir müssen viele Arbeiten übernehmen, die vorher die Eingangskontrolle übernommen hat, zum Beispiel die Waren auf den Lkw kontrollieren, die Anwesenheitsliste der ArbeiterInnen führen.
Junge Leute finden eher Jobs in den Fabriken, als Wachmänner werden sie selten genommen. Junge Leute geben gern an, sie wollen Spaß haben, haben ein loses Mundwerk – sie sind generell weniger dazu bereit, 12 Stunden am Tag zu arbeiten. Wenn jemand jenseits der 40 an ein Fabriktor klopft, werden sie ihn ohne Job wieder wegschicken. Die sehen dich lieber als Wachmann. Wenn du 40 Jahre alt bist, zerschunden und gebrochen, dann bist du genau richtig für den Job.
Arme Menschen nehmen ganz genau wahr, was um sie herum geschieht. “Wie kann man von dem kleinen Einkommen überleben”, dieser Gedanke ist immer anwesend. Mit der roten Karte (Rationenmarke für Leute mit ‘offiziell’ niedrigem Einkommen) soll man 35 Kilo Mehl aus den Rationen-Läden (*) bekommen. Im letzten Jahr gab es nicht mal Zucker, den hat der Typ Sack für Sack auf dem Markt verkauft, weil dort die Preise hoch waren. Der Typ prahlt damit, dass er die lokalen Politiker mit Bündeln von Geld schmiert und öffnet den Laden nur einmal im Monat.
Meine Tochter geht zur Schule und mein Sohn arbeitet in einem Bekleidungsladen. Wegen der niedrigen Miete leben wir in einem Haus ohne Elektrizität. Das Zimmer liegt ebenerdig und während des Monsuns läuft uns das Abwasser herein. Das Dach ist undicht und droht bei Regen einzustürzen… Ich habe 22 Jahre lang als festeingestellter Facharbeiter in der Fabrik gearbeitet.