Bullenangriff auf Honda ArbeiterInnen, 2005

4.0 Die Kämpfe

4.1 Der arbeitsrechtliche Rahmen und die Rolle der Gewerkschaften
4.2 Beispiele der Beschränkung gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen: Angriff auf Amtek-Arbeiter (Autozulieferer) und Fabrikbesetzung bei Fashion Express (Bekleidungsmittelindustrie)
4.3 Eine neue Qualität: Wilde Streiks und Fabrikbesetzungen der LeiharbeiterInnen der Autoindustrie
4.3.1 Wilder Streik bei Honda HMSI, September 2006
4.3.2 Wilder Streik bei Hero Honda, April 2006
4.3.3 Kämpfe bei Delphi, August 2007
4.3.4 Wilde Streiks zur Durchsetzung des Mindestlohns, Herbst 2007

4.0 Die Kämpfe

Bevor wir uns den aktuellen Kämpfen der LeiharbeiterInnen zuwenden erst ein Überblick über den rechtlichen und gewerkschaftlich-institutionellen Hintergrund, auf dem diese stattfinden.

4.1 Der rechtliche Rahmen und die Rolle der Gewerkschaften

Einige spezifische Charakteristiken der (lokalen) Klassenzusammensetzung verschärfen die Tendenzen der Gewerkschaften, zu einer Funktion des Managements zu werden. In Gurgaon und Faridabad sind Gewerkschaften fast ausschließlich in Großbetrieben vertreten, und dort vertreten sie nur die festangestellten ArbeiterInnen, d.h. lediglich 15 bis 30 Prozent der gesamten Arbeitskraft. Wenn die Gewerkschaften in Gurgaon gemeinsam zu Demonstrationen, z.B. zum 1. Mai oder anlässlich des zweiten Jahrestags der Repression gegen die Honda-ArbeiterInnen aufrufen, dann mobilisieren sie meist nicht mehr als 2.000 bis 3.000 festangestellte ArbeiterInnen aus 20 bis 30 verschiedenen Betrieben. Die Gesamtanzahl der Betriebe mit gewerkschaftlicher Vertretung dürfte in Gurgaon bei 70 bis 80 liegen. Dies ist eine verschwindend kleine Minderheit. Die gewerkschaftlichen Ziele (Tarifverträge mit langen Laufzeiten) und Organisationsformen (betriebsgebundene Mitgliedschaft) erreichen die Masse der mobilen und eingewanderten LeiharbeiterInnen nicht. In konkreten Auseinandersetzungen stellen sich die Gewerkschaften oft gegen die Interessen der LeiharbeiterInnen auf die Seite des Unternehmens – offiziell geht es ihnen um ‘die Zukunft’ der Festangestellten – siehe Berichte zu Kämpfen von LeiharbeiterInnen bei Honda HMSI oder Delphi. Seit den 1980ern wiederholen sich in den Industriegürteln Delhis Niederlagen von ArbeiterInnenkämpfen, die auf die gewerkschaftliche Organisation zurückzuführen sind: die meisten traditionellen Streiks enden in oft monatelangen Aussperrungen, siehe z.B. das Beispiel des Kampfs der Suzuki Maruti-ArbeiterInnen im Jahr 2000/01. Den Unternehmen gelingt es meist in kurzer Zeit, genügend StreikbrecherInnen zu rekrutieren und diese Dank der staatlichen Gewalt zum Einsatz zu bringen. Angesichts dieser materiellen Schwäche von traditionellen und legalistischen Kampfformen überleben viele Gewerkschaften nur, indem sie sich für das Unternehmen als Personalmanager unentbehrlich machen. Hinzu kommt die legale Korruption – Freistellung von der Arbeit für alle Delegierten – und die ebenso weitverbreitete Korruption. Wer drei, vier Jahre als Gewerkschaftsfuntionär durchhält, hat meist für den Rest des Lebens ausgesorgt. All diese Faktoren sorgen dafür, dass sich seit den frühen 1980ern nicht nur die Niederlagen häufen, sondern auch die offenen Fälle von ‘Verrat’ der Gewerkschaften. Aussperrungen wurden in vielen Auseinandersetzungen in Kooperation mit dem Management ‘arrangiert’, um betriebliche Umstrukturierungen durchsetzen zu können. Die Endlosschleife von ‘Verrat’, Absetzung der alten Führung, Neuwahl, ‘Verrat’ läuft hier schneller und offener ab, als in Westeuropa oder den USA. Insbesondere das Beispiel von Honda HMSI zeigt, dass trotz hoher Integrität der jungen Gewerkschafter und trotz eines entbehrungsreichen Kampfs die gewerkschaftliche Organisationsform immer wieder in die selben Widersprüche rutscht. Neue Kampfformen müssen gesucht werden, und die Kämpfe der LeiharbeiterInnen zeigt, dass die Suche begonnen hat.

Das Recht
Der Industrial Dispute Act von 1947 sieht vor, dass theoretisch jede Gruppe von ArbeiterInnen aus relevanten Gründen (Lohnforderung, gegen unfaire Behandlung etc.) streiken kann. Dabei ist es nicht notwendig, dass sie von einer Gewerkschaft vertreten wird. Die Gruppe muss allerdings 1/12 der Belegschaft ausmachen. Können Unternehmen und eine Gruppe von ArbeiterInnen bzw. Gewerkschaft den Konflikt nicht beilegen, muss vor der Arbeitsniederlegung eine staatliche Vermittlungsstelle (Conciliation Officer) angerufen werden. Dieser kann sich vorbehalten, das Arbeitsgericht (Labor Court) einzuschalten. Während der Vermittlungszeit und sieben Tage nach Scheitern der Vermittlung sind Streiks ausgeschlossen. Allgemein gilt, dass ein Streik zwei Wochen zuvor angekündigt werden muss. Im ‘nationalen Interesse’ kann die Regierung Streiks für illegal erklären. Das ‘nationale Interesse’ kann weit gefasst werden. So hat die Landesregierung von Tamil Nadu. 2006 versucht, den Streik bei Toyota mit Berufung auf das ‘nationale Interesse’ zu illegalisieren. Betriebsblockaden oder Besetzungen sind allgemein gesetzwidrig. Trotz der legalen Möglichkeit, ohne offiziell anerkannte Gewerkschaft streiken und das erzielte Ergebnis vertraglich festschreiben zu können, werden Gewerkschaften gegründet, u.a. wegen des rechtlichen Schutzes der Gewerkschaftsdelegierten oder des materiellen Vorteils einer Anbindung an die großen Gewerkschaftsdachverbände. Eine Gewerkschaft kann, eine bestimmte Betriebsgröße vorausgesetzt, in jedem Betrieb gebildet und deren Anerkennung beantragt werden. Es gibt in Indien sehr viele kleine Gewerkschaften, die meisten sind allerdings den großen Dachverbänden angeschlossen (AITUC, CITU, HMS etc.) (*). Diese wiederum sind jeweils politischen Parteien zuzuordnen.

4.2 Beispiele der Beschränkungen gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen:
Angriff auf Amtek-Arbeiter (Autozulieferer) und Fabrikbesetzung bei Fashion Express (Bekleidungsmittelindustrie)

Angriff auf die Arbeiter von Amtek Siccardi India Ltd., Gurgaon, 6. Juni 2006

Die Amtek Gruppe ist ein globaler Autozulieferer mit 25 Fabriken in Asien, Europa (u.a. Zelter GmbH, Hennef) und den USA. Allein in Gurgaon und Umland sind ein Dutzend Fabriken angesiedelt.
Am 6. Juni 2006 wird eine Gruppe von 20 festangestellten ArbeiterInnen, die meisten von ihnen Mitglieder der Gewerkschaft CITU, von bezahlten Schlägern auf dem Firmengelände zusammengeprügelt. Vorangegangen war eine längere Auseinandersetzung zwischen Gewerkschaft und Management, z.T. wegen ‘persönlicher’ Vergehen. So wurde ein Gewerkschafter gefeuert, weil er angeblich das Unternehmenstelefon für Privatzwecke benutzte.
Im April 2006 kommt es zu einem Streit zwischen zwei festangestellten Mitgliedern der Gewerkschaft und zwei befristet eingestellten ArbeiterInnen, angeblich wegen Schulden. Das Unternehmen nutzt den Vorfall, um die zwei Festangestellten zu verwarnen und sie zwangsweise in einer Fabrik im benachbarten Manesar umzusetzen. Die Gewerkschaft protestiert. Die zwei Arbeiter werden nicht in die Fabrik gelassen, sie müssen die Arbeitszeit im Bürogebäude absitzen. Die Gewerkschaft ruft die staatliche Vermittlung an, der Konflikt zieht sich bis Juni 2006. Rund zwei Dutzend Gewerkschaftsmitglieder schließen sich den zwei ‘ausgesperrten’ Kollegen an. Sie erscheinen am 6. Juni 2006 auch zum offziellen ‘Verhandlungstreffen’ zwischen LC (*), Management und Gewerkschaft. Dort treffen sie auf zwei Lkw mit bezahlten Schlägern (andere Quellen geben an, dass es tatsächlich LeiharbeiterInnen von Amtek waren). Es kommt zu einem Kampf, und die festangestellten ArbeiterInnen werden mit Spurstangen (Arbeitsprodukt der Fabrik) zusammengeschlagen. 22 von ihnen müssen ins Krankenhaus eingeliefert werden. In einer Zeitungsnachricht spricht das Management davon, dass die ‘ausgesperrten’ ArbeiterInnen zuvor in die Fabrik eingedrungen waren, Sachen zerstört und einen Manager zusammengeschlagen hatten. Die Geschäftsführung erstattet Anzeige. Am Abend des 6. Juni treffen viele lokale Gewerkschaftsfürsten im Krankenhaus ein und halten Reden vor laufenden Kameras neben den Betten der Verletzten. Am 10. Juni rufen die Gewerkschaften zu einer Demonstration in Gurgaon auf, es kommen rund 1.000 ArbeiterInnen. In den folgenden Wochen versandet der Konflikt auf legaler Ebene.
Der Vorfall ist exemplarisch:
- ein internationales Unternehmen setzt brutale Mittel ein, um für Ruhe zu sorgen;
- die Gewerkschaft muss einen Kampf eingehen, um ihre Delegierten zu retten und riskiert dabei eine Niederlage für die ArbeiterInnen;
- die GewerkschafterInnen sind marginalisiert, die LeiharbeiterInnen arbeiten weiter, der ‘Kampf’ hat keine Auswirkungen auf die Produktion;
- die Gewerkschaft muss die Opfer in den Medien als Märtyrer stilisieren, um öffentliche Aufmerksamkeit zu bekommen.

Fabrikbesetzung bei Fashion Express, Gurgaon, April 2007

Die Fabrik liegt im von der Textilindustrie dominierten Industriegebiet Udyog Vihar Phase I. In der Fabrik stellen 100 Festangestellte und 100 bis 150 LeiharbeiterInnen Bekleidungsstücke für den Export her. Die Löhne liegen bei 5.000 bis 6.000 Rupies für die Festangestellten und 3.000 bis 4.000 für LeiharbeiterInnen. Die Textilien werden erst an sogenannte Show-Rooms nach New York versandt, von dort an verschiedene Hauptabnehmer, u.a. Ulla Popken, Casual Living.
Laut Aussagen der Gewerkschaft Karmchari Sangathan bei Fashion Express begann der offizielle Konflikt im November 2006 mit einer Anzeige wegen sexueller Belästigung gegen den Besitzer von Fashion Express, erstattet von zwei weiblichen Beschäftigten. Tatsächlich schwelte der Konflikt bereits ab Juli 2006, als die Gewerkschaft eine Liste von Forderungen präsentierte. Es ist unklar, inwieweit die Anzeige von vornherein ein Schachzug der Gewerkschaft war. Klar ist, dass sie im späteren Verlauf zu einer Verhandlungsmasse wird. Die lokale Polizei geht der Anzeige nicht nach, die Gewerkschaft und der Dachverband AITUC ziehen daraufhin vor Gericht. Am 24. November 2006 entlässt bzw. suspendiert das Unternehmen vier Gewerkschaftsführer und die zwei Frauen, die Anzeige erstattet hatten.
Am 20. März 2007 entscheiden sich die festangestellten ArbeiterInnen für einen Streik, rund 40 ArbeiterInnen bleiben in der Fabrik. Alle LeiharbeiterInnen müssen sich einen anderen Job suchen. Die Fashion Express-Fabrik im benachbarten Manesar produziert weiter und übernimmt Aufträge der bestreikten Fabrik in Gurgaon. In den folgenden Wochen gibt es zwei Kundgebungen bzw. Demonstrationen in Gurgaon, zu denen um die 500 GewerkschafterInnen kommen, u.a. ArbeiterInnen von Honda HMSI, Beschäftigte eines der großen Golfplätze (auf dem rund 280 Leute arbeiten) und des Security Unternehmens G4S.
Am 8. April 2007, einem Sonntag, werden rund 150 PolizistInnen im Industriegebiet zusammengezogen, die Räumung der Fabrik wird angedroht. Die ArbeiterInnen antworten, dass sie sich und die Besetzung verteidigen werden. Die staatliche Vermittlungsstelle, das Unternehmen und die Gewerkschaft beginnen Verhandlungen. Sie kommen zu folgendem Ergebnis:
- es gibt eine Lohnerhöhung, basierend auf der Arbeitsleistung;
- der Jahresurlaub wird von acht auf zehn Tage ausgedehnt;
- die suspendierten Arbeiterinnen werden wieder eingestellt;
- die Entlassung der Gewerkschaftsführer wird in eine Suspendierung umgewandelt, in den nächsten Monaten wird bei guter Arbeitsdisziplin die Wiedereinstellung in Erwägung gezogen;
- die Streiktage werden nicht bezahlt;
- die Anzeigen (wegen sexueller Belästigung) und sich daraus ableitende Ansprüche werden zurückgenommen.

Die Arbeit wird um 9. April wieder aufgenommen. Allerdings zeigt sich schnell, dass auch Fashion Express vom aktuellen Exporteinbruch (siehe Bericht zur Textilindustrie) betroffen ist. Ab Juli 2007 gibt es keine Arbeit mehr, die ArbeiterInnen gehen in die Fabrik, arbeiten aber nicht. Bis Ende August 2007 sind die Juli Löhne nicht ausgezahlt worden. Im Juli selbst treffen sich Vertreter der Gewerkschaft, der AITUC und der Geschäftsführung, auf dem der Besitzer die Schließung der Fabrik ankündigt. Die Gewerkschaft stellt daraufhin eine Liste mit Abfindungsforderungen auf: 45 Tageslöhne pro Beschäftigungsjahr bei Fashion Express plus 30 Tageslöhne pro Jahr bis zur Verrentung, Vorrang der ArbeiterInnen bei Wiedereröffnung der Fabrik. Das Management reagiert auf diese Forderungen mit einem Aushang in der Fabrik, in dem es die Schließungsplanungen bestreitet. Den ArbeiterInnen ist allerdings klar, dass das Management die Schließung vorbereitet, Material abzieht, die Stempeluhren abstellt, Material von der Fabrik in Manesar und einer angemieteten Werkstatt in Delhi aus exportiert. Die ersten ArbeiterInnen müssen im Oktober 2007 wegen nicht gezahlter Löhne die Kinder von der Schule nehmen. Im November 2007 haben alle festangestellten ArbeiterInnen von Fashion Express ihre Arbeit verloren.

4.3 Eine neue Qualität: Wilde Streiks und Fabrikbesetzungen der LeiharbeiterInnen der Autoindustrie

In den folgenden drei Berichten zu wilden Streiks und Fabrikbesetzungen bei Honda HMSI, Hero Honda/Shivam Autotech und Delphi werden die Potentiale der neuen ArbeiterInnengeneration deutlich. Bevor wir zu den einzelnen Berichten kommen hier eine politische Zusammenfassung.

* Den Kämpfen der LeiharbeiterInnen gingen sowohl bei Honda HMSI und Delphi Kämpfe von mehrheitlich festangestellten ArbeiterInnen voran, die in Aussperrungen und Niederlagen endeten. Insbesondere die Polizeirepression gegen die Honda HMSI-ArbeiterInnen war darauf angelegt, als Zeichen an alle ArbeiterInnen zu wirken: stellt keine Ansprüche. Bei Delphi sorgte die Niederlage dafür, dass mittels Frühverrentungsprogramm die Anzahl der Festangestellten um 75 Prozent reduziert wurde und jetzt nur noch zehn Prozent der Arbeitskraft ausmacht.

* Die vorangegangenen Kämpfe waren hauptsächlich von der – im Fall von Honda entstehenden – gewerkschaftlichen Hierarchie geführt worden. Die folgenden wilden Streiks wurden von den LeiharbeiterInnen ohne die Gewerkschaften organisiert. Durch die Besetzungen von Fabrik bzw. Kantinen konnten sie die Fehler der vorangegangenen Kämpfe, sprich die Aussperrung vermeiden. Die gewerkschaftliche Hierarchie stellte sich sowohl im Fall der wilden Streiks bei Honda HMSI als auch bei Delphi gegen die Kämpfenden. Insbesondere bei Honda HMSI wird die widersprüchliche Position der neuen, aus der vorangegangenen Auseinandersetzung entstandenen Gewerkschaft deutlich. Die Festangestellten bei Hero Honda folgten dem Aufruf des Unternehmens und gingen während der Fabrikbesetzung in Urlaub, statt sich zu solidarisieren.

* Die drei Aufstände traf die Zentren der lokalen und landesweiten Industrie. Hero Honda und Honda HMSI sind die wichtigsten Fabriken der indischen Zweirad-Automobilindustrie, mit im Fall von Hero Honda rund 240 Zulieferbetrieben. Die Streiks traf die Unternehmen mit voller Wucht, sie wurden nicht angekündigt. Im Fall von Hero Honda hatte der Streik direkte Auswirkungen auf die Zulieferkette: am Tag als die Fabrikbesetzung abgebrochen wurde begann ein wilder Streik bei Shivam Autotech, einem der wichtigsten Zulieferbetriebe, wobei diese ‘Ausweitung’ spontan erfolgte, zumindest nicht durch offizielle Oranisationen vermittelt war.

* Die Kämpfe stellten Ansprüche. Es ging vor allem um höhere Löhne, im Fall von Hero Honda wurden Festverträge für alle gefordert. Die Kämpfe richteten sich damit auch gegen die innerbetrieblichen Hierarchien, u.a. indem sie die Abschaffung unterschiedlicher Uniformen für Festangestellte und ZeitarbeiterInnen forderten. ‘Kickstarter’ waren konkrete Anlässe: schlechtes Kantinenessen, die Tatsache, dass KollegInnen nach dem Urlaub nicht wieder eingestellt wurden, Ignoranz der gewerkschaftlichen Hierarchie den LeiharbeiterInnen gegenüber.

* Die ArbeiterInnen bewiesen, dass sie fähig sind, die wichtigsten Automobilfabriken Indiens lahmzulegen, zumindest für kurze Zeit. Sowohl bei Honda HMSI als auch bei Hero Honda stießen die Besetzungen mit vier, fünf Tagen Dauer in einen kritischen Bereich vor, kritisch sowohl für das Unternehmen, als auch für die Streikenden. Die Lagerbestände und Vorräte bei den Händlern schrumpften in dieser Zeit zusammen, es kam zu Lieferungsschwierigkeiten. Den Streikenden wurde in beiden Fällen die Wasser- und Nahrungsmittelzulieferung gekappt und die ArbeiterInnen in der Fabrik hatten nicht genug Unterstützung von außen, um den Kampf viel länger aufrechterhalten zu können. Bei Delphi hat eine stundenweise Arbeitsniederlegung ausgereicht, um Eindruck auf die Unternehmensführung zu machen.

* Die Streiks endeten nicht in Niederlagen, im Fall von Hero Honda und Delphi gab es Lohnerhöhungen. Es wurde aber deutlich, dass den ArbeiterInnen die Erfahrung im Umgang mit den Verhandlungsstrategien der Unternehmer und lokalen politische Klasse fehlte. Im Fall von Hero Honda schickten die BesetzerInnen eine kleine Delegation, die auch prompt vom Unternehmen gekauft wurde. Die ArbeiterInnen von Shivam Autotech gerieten nach dem Streik in die Mühlen des Arbeitsrechts und der staatlichen bzw. gewerkschaftlichen Vermittlung und wurden darüber gespalten.

* In der (linken) Öffentlichkeit blieben diese Streiks weitestgehend unbemerkt bzw. unreflektiert. Die gemachten Erfahrungen wurden abgesehen von Artikeln in der Faridabad Majdoor Samaachaar nicht weitergereicht. Durch die hohe Fluktuation hält sich selbst in den vom Kampf direkt betroffenen Betrieben das Wissen über die Streiks nur schwer. Es bleibt zu hoffen, dass es mit den LeiharbeiterInnen in andere Teile der lokalen Industrie zirkuliert.

4.3.1 Wilder Streik bei Honda HMSI, September 2006

Einleitung
Das Unternehmen HMSI
Ein Honda HMSI-Arbeiter zur Situation im Werk, 2005
Chronologie des Kampfs und der Repression bei Honda HMSI, Juli 2005
Resümee des Kampfs 2005
Situation im Werk nach der Repression und Anerkennung der Gewerkschaft
Wilder Streik der LeiharbeiterInnen im September 2006

Einleitung

Wir beginnen diesen Abschnitt mit einem Rückblick auf den Kampf im Sommer 2005. Die staatliche und unternehmerische Repression gegen die Arbeiter von Honda Motorcycles and Scooter India (HMSI) im Juli 2005 hat tiefen Eindruck im kollektive Bewusstsein der lokalen ArbeiterInnenklasse hinterlassen. Nach einem Monat der Aussperrung wurden ArbeiterInnen nach einer Demonstration bewusst in eine Falle gelockt und von der Polizei zusammengeprügelt. Die Bilder von Polizisten, die auf bereits ohnmächtige Arbeiter einschlagen, wurden wiederholt auf allen Fernsehkanälen gezeigt. Selbst zwei Jahre später führen ArbeiterInnen in den Industriegebieten Delhis das Beispiel der Repression der Honda ArbeiterInnen an, wenn sie die Unmöglichkeit offener Gegenwehr gegen unternehmerische Politik erklären wollen.
Der Angriff auf die Honda Arbeiter war die offene Kulmination eines längeren versteckten Konflikts, eines Kampfs einer neuen Generation von ArbeiterInnen, die erste Äußerung ihrer Ansprüche. Der Konflikt wurde erst öffentlich, als die Aussperrung begann und die Frage der offiziellen Anerkennung einer Gewerkschaft in der Honda Fabrik in den Fokus rückte. Im Zuge dessen verloren die ArbeiterInnen die Kontrolle über den Kampf. Er wurde zu einer Auseinandersetzung der Machtverteilung zwischen dem Management des multinationalen Unternehmens, der lokalen und nationalen politischen Klasse und der Gewerkschaftsführung. Die Honda HMSI-Fabrik war eine der größten ausländischen Direktinvestitionen der letzten Zeit. Die zukünftigen Einflussbereiche der herrschenden Fraktionen mussten neu abgesteckt werden. Die traditionelle Linke wurde erst an dem Punkt aktiv, als der Kampf bereits in ein Bühnenstück und die ArbeiterInnen in Bauernopfer verwandelt worden waren. Die Linke richtete ihr Augenmerk hauptsächlich auf den Akt der Repression und die Frage der Anerkennung der Gewerkschaft und verlor dabei die tieferliegenden Ansprüche und neuen Artikulationen der ArbeiterInnen aus dem Blickwinkel.
Die öffentliche und linke Aufmerksamkeit nahm so schnell ab wie das Interesse der Medien. Die Auseinandersetzungen im Honda-Werk gehen aber auch nach der Repression im Sommer 2005 weiter, in erster Linie ausgehend von den durch die neue Gewerkschaft nicht vertretenen LeiharbeiterInnen. Im September 2006 streikten diese wild, und die neue Gewerkschaft hatte ihre Feuertaufe als vermittelnde Instanz zu bestehen. Die Unternehmensführung versucht weiterhin, die ArbeiterInnen entlang der Herkunft zu spalten, in ‘lokale’ (LeiharbeiterInnen) und ‘externe’ (Festangestellte). Die lokale politische Klasse, die ebenfalls in das Geschäft der Leiharbeit und Arbeitskräfterekrutierung verwickelt ist, hat weiterhin Mittelsmänner in der Fabrik und versucht dort Einfluss zu nehmen.
Im Folgenden liefern wir eine Übersicht der Entwicklungen bei Honda HMSI. Über die Repression im Juli 2005 wurde viel geschrieben. Unglücklicherweise sind die täglichen Erfahrungen der ArbeiterInnen und die Kämpfe seither kaum dokumentiert. Wir können uns an dieser Stelle nur auf kurze Unterhaltungen mit LeiharbeiterInnen beziehen, mit denen wir uns im Juni und Juli an lokalen Teebuden unterhalten haben.

Das Unternehmen Honda HMSI

Die Fabrik von Honda (HMSI) wurde im Januar 2001 in der Industrial Model Town (IMT) Manesar eröffnet. Manesar liegt 20 km südlich von Gurgaon, am National Highway 8 gelegen. Ende der 1990er wurde dort ein enormes Industriegebiet aus den Feldern der lokalen Bauern gestampft. Im November 2006 betrug die Fläche des Gebiets rund 12,8 Quadratkilometer. Seitdem sind dort weitere Fabriken aufgemacht worden, an erster Stelle ist die Eröffnung der Suzuki Pkw-Montage- und Motorenwerke Anfang 2007 zu nennen. In unmittelbarer Nähe befinden sich viele der größeren Automobilzulieferer, u.a. Munjal Showa, Motherson, Bosch, Rico, Denso, Johnson Mathey, Napino Auto.
Laut Unternehmens-Website wurde die Honda Fabrik mit einer anfänglichen Kapazität von 100.000 Rollern pro Jahr eröffnet. Diese wurde bis 2007 auf 600.000 erweitert. Der Absatz der Roller ist in den letzten Jahren landesweit zurückgegangen, der Absatz von Motorrädern weiter gestiegen. Honda produziert in Manesar 400.000 Motorräder pro Jahr. Nur ein kleiner Teil der Produktion wird exportiert.
Das Werk ist in zwei Hallen unterteilt, eine Montagehalle für Roller, eine für Motorräder. Teile werden aus verschiedenen Landesteilen angeliefert, z.B. die Reifen kommen aus Indoor (rund 700 km), die meisten Teile kommen aber aus Fabriken der Gegend. Die Motoren werden im Werk montiert. Während einer Schicht arbeiten 150 ArbeiterInnen direkt am Roller-Montageband. Die absolute Zahl der ArbeiterInnen varierte beträchtlich. 2006 arbeiteten 1.600 Festangestellte, 500 bis 600 PraktikantInnen und 2.000 LeiharbeiterInnen und Auszubildende im Werk.
Für die Anlaufphase der Produktion stellte Honda ArbeiterInnen aus unterschiedlichen indischen Staaten ein, die meisten von ihnen Anfang 20. Voraussetzung für die Einstellung war eine ITI-Ausbildung und zwei Jahre Berufserfahrung. Teil der dreijährigen ITI Ausbildung ist ein einjähriges Praktikum. Honda verlangte trotzdem, dass die ersten zwei Jahre im neuen Werk als ‘Trainingszeit’ absolviert werden, erst danach würde es einen Festvertrag geben. Die offizielle Sprache des Management ist Englisch, unter den ArbeiterInnen Hindi. Die Tatsache, dass die meisten ArbeiterInnen aus anderen Staaten Indiens kamen, nutzte einerseits dem Unternehmen. Honda konnte im laufenden Konflikt die Spaltungslinien zu den lokal ansässigen LeiharbeiterInnen vertiefen. Andererseits vereinfachte die Tatsache, dass einige ArbeiterInnen aus Bangalore kamen, eine Kontaktaufnahme der neuen Honda Gewerkschaft zu in Bangalore streikenden Toyota-ArbeiterInnen im Jahr 2006. Einige Honda Gewerkschafter fuhren als Delegation nach Bangalore.

Kampf und Repression bei Honda HMSI im Juli 2005

Wir beginnen mit einem Artikel aus der FMS, der im August 2005 veröffentlicht wurde. Im Gespräch mit einem Honda-Arbeiter wird deutlich, wie sich der Konflikt im Werk entwickelte, bevor er mit der Aussperrung öffentlich wurde. Bereits 2004 gab es Konflikte um die Divali-Extrazahlung. Zum indischen Festtag gibt es für Festangestellte oft ein 13. Monatsgehalt. Das Unternehmen bot den ArbeiterInnen allerdings nur 600 Rupies an. Die ArbeiterInnen verweigerten die Annahme des ‘Geschenks’. ArbeiterInnen fingen an, ihren Lohn mit dem der Hero Honda-ArbeiterInnen zu vergleichen, die 10 Kilometer entfernt ebenfalls Zweiräder montierten und deren Lohn zum Teil doppelt so hoch war.

Ein Honda HMSI-Arbeiter zur Situation im Werk, 2005

Das größte Problem in der Fabrik ist Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Die Fabrik wurde vor vier Jahren eröffnet und seitdem sind die Produktionszahlen und die Arbeitslast permanent gestiegen. Die Bosse laufen herum und halten den Arbeitsdruck aufrecht, und wenn du den Mund aufmachst sagen sie: “Du brauchst morgen ja nicht wiederzukommen”.
Die Motorradproduktion läuft seit anderthalb Jahren, die Produktionszahlen haben 750 Motorräder pro Schicht erreicht. Es werden 2.000 Roller pro Tag zusammengeschraubt, von zwei Schichten. Jede 25 oder 26 Sekunden läuft einer vom Band. Wenn die erste Schicht keine 1.000 Roller schafft, dann muss die zweite Schicht länger arbeiten, um die 2.000 Sollzahl zu erreichen. Offiziell endet die zweite Schicht um elf Uhr fünfzehn, aber normalerweise müssen wir bis eins oder halb zwei in der Nacht arbeiten. Manchmal sind wir sogar bis um halb sechs morgens geblieben, um die 2.000 Roller vollzukriegen.
Teile werden an CNC-Maschinen hergestellt. Ein Arbeiter muss gleichzeitig zwei Maschinen bedienen. Einige Teile müssen in 15 Sekunden hergestellt werden, andere in 30 oder 50 Sekunden. Und das an zwei Maschinen gleichzeitig. An den Bändern werden zwei Schichten gefahren, in der Teilefertigung drei.
Jeden Monat müssen wir 90 bis 100 Überstunden leisten. Das Unternehmen zahlt die Überstunden mit 100 Prozent Zuschlag, aber wir Arbeiter sind trotzdem gegen Überstunden. Wenn man die Arbeitsgeschwindigkeit berücksichtigt, dann ist klar, dass man diese Arbeit jenseits der 35 oder 40 Jahre nicht mehr machen kann.
Auf den ersten Blick, oberflächlich gesehen, ist alles super in der Honda Fabrik. Jeder Arbeiter (selbst die Leiharbeiter) bekommt zwei Arbeitsuniformen, ein Paar Schuhe und eine Mütze, direkt am ersten Arbeitstag. Es gibt 25 Busse, die die Arbeiter von zu Hause abholen und sie zur Fabrik und wieder zurück bringen. Wenn in der jeweiligen Umgebung nur wenige ArbeiterInnen wohnen, dann kommt sogar ein Sammeltaxi. Es gibt zwei Kantinen und ein Essen – Roti, Reis, zwei Gemüse, Joghurt, Salat und Nachspeise – kostet nur 6 Rupies. Jeder Arbeiter erhält monatlich einen Gutschein über 200 Rupies für Tee und Snacks.
Die Fabrik ist sauber. Es gibt einen Arzt, der rund um die Uhr in der Fabrik ist, eine Ambulanz. Festangestellte ArbeiterInnen, PraktikantInnen und Auszubildende bekommen ihren Lohn pünktlich am ersten Tag des Monats. Die Leiharbeiter bekommen ihren Lohn pünktlich am siebten des Monats. Praktikanten und Auszubildende werden von weit her zur Fabrik gebracht, für den ersten Monat stellt ihnen das Unternehmen eine Unterkunft.
Einige der ITI-LeiharbeiterInnen, die durch einen Kontraktor ins Werk gebracht, werden manchmal als Praktikanten nach sechs, sieben oder acht Monaten übernommen. Praktikanten werden festangestellt, sobald sie ihre Trainingsperiode von ein bis zwei Jahren hinter sich haben.
Der allgemeine Mangel an Möglichkeiten, irgendwo einen Festvertrag zu bekommen, und das Versprechen, nach der Trainingsperiode übernommen zu werden, zwingt uns, alles auszuhalten. Nach dem Vorfall, bei dem ein Arbeiter von einem Manager getreten wurde, gab es mehr Gespräche unter uns.
Im Oktober 2004 trat ein Manager einen Arbeiter, das war in der Schweißabteilung, nachts um viertel nach elf. Am nächsten Tag stoppten die Arbeiter der ersten Schicht die Arbeit, so gegen neun Uhr morgens, um gegen dieses Verhalten zu protestieren. Die Arbeit wurde wieder aufgenommen, als sich der Manager vor allen entschuldigt hatte, so gegen zwei Uhr. Die zweite Schicht legte die Arbeit dann auch nieder. Der Manager entschuldigte sich noch mal, die Arbeit ging dann um halb acht weiter. Wenn die Produktion stoppt, dann bringt das pro Tag rund 80.000.000 Rupies Verlust für das Unternehmen.
Die Konflikte in der Fabrik nahmen zu. Am 6. Februar 2005 wurden die Arbeiter aufgefordert, Papiere zu unterzeichnen. Sie sollten im Gegenzug für die jährliche Bonuszahlung auf die Inanspruchnahme gewisser Rechte verzichten. Dem Management war dies sehr wichtig. Eine Gruppe von Arbeitern, unter ihnen einige spätere Gewerkschafter, forderten die Rückgabe der bereits unterschriebenen Papiere. Das Management weigerte sich, was einen Protest auslöste. Alle Arbeiter verließen ihren Arbeitsplatz und versammelten sich in der Kantine. Aber niemand rührte das Essen an. Nach der Schicht verließ niemand das Werk. Auch die C-Schicht aus der Teilefertigung kam in die Kantine. Am nächsten Morgen ging die A-Schicht nicht zur Arbeit, sondern zur Kantine. Die Arbeiter aller drei Schichten – 1.200 Festangestellte, 1.000 Leiharbeiter und 400 Auszubildende – versammelten sich in der Kantine. Niemand aß oder trank Tee. Die Unternehmensleitung rief die Polizei ins Werk. Der Deputy Comissioner kam auch zur Fabrik. Es gab keine Anführer unter uns – das Unternehmen forderte uns auf, jeweils fünf Kollegen aus jeder Abteilung für Verhandlungen zu schicken. Um fünf oder sechs am Abend gab es dann eine Abkommen: niemand wird suspendiert, die unterschriebenen Papiere werden an die Arbeiter zurückgegeben (und wurden dann von den Arbeitern verbrannt), das durch den Streik in Mitleidenschaft geratene Produktionssoll wird durch Nacharbeit erfüllt.
Die Arbeit ging dann am 8. Februar weiter, nachdem sie für anderthalb Tage geruht hatte. Für die Festangestellten und die Praktikanten gab es keine Lohnkürzungen, aber den Leiharbeitern wurden die anderthalb Tage vom Lohn abgezogen.
Im April wurde den Arbeitern die jährliche Lohnerhöhung gegeben: die Festangestellten bekamen eine Erhöhung von 2.800 bis 3.500 Rupies, die Praktikanten von 600 Rupies. Die Festangestellten bekamen somit einen Lohn von 8.500 bis 10.000 Rupies im Monat, die PraktikantInnen 5.600 Rupies. Die tausend Arbeiter des Kontraktors K.C. Enterprise bekamen keine Lohnerhöhung. Ihre Bezahlung blieb bei 2.800 Rupies. Sie arbeiten ebenfalls in der Produktion, und sie arbeiten auch an den CNC-Maschinen. Die Auszubildenden bekommen 900 Rupies vom Staat und 700 Rupies von Honda. Wie in allen anderen Unternehmen auch werden Auszubildende vom ersten Tag an in die Produktion gesteckt, es gibt keine Anlernphase. Sie arbeiten auch alle drei Schichten. Die meisten Auszubildenden kommen von weit weg, da reichen ihnen die 1.600 Rupies nicht zum Leben.
Die Lage stabilisierte sich für ein paar Tage. Dann gab es einen Schaden an einem Gabelstapler, und ein festangestellter Arbeiter wurde dafür suspendiert. Zehn Tage danach verweigerten die Arbeiter das Essen. Alle Gruppen von Arbeitern beteiligten sich an dieser Aktion. Trotz starkem Drucks verweigerten auch die Leiharbeiter das Essen in der Fabrik. Als diese Aktion für einen Monat anhielt, wurde der suspendierte Kollege wieder eingestellt.
Einige Stimmen wurden laut, dass sich die Situation verbessern würde, gäbe es eine Gewerkschaft. Arbeiter trafen sich alle 15 bis 20 Tage im Devilal-Park. Spitzel berichteten der Unternehmensleitung von den Vorgängen. Es wurden Schritte unternommen, sich mit offiziell anerkannten und größeren Gewerkschaften zusammenzutun. Honda fing an, mehr und mehr Arbeiter wegen Kleinigkeiten zu suspendieren. Es begann mit den Leiharbeitern, und am 26. Juni 2005 waren bereits 500 der 1.000 Leiharbeiter gefeuert. Bereits am 2. Juni hatten die Arbeiter der B-Schicht gegen diese Entlassungen protestiert. Sie verließen ihren Arbeitsplatz und riefen Parolen vor dem Verwaltungsgebäude. Die Produktion lag für eine halbe Stunde still, wurde aber nachgeholt. Das Unternehmen feuerte daraufhin am nächsten Tag vier festeingestellte Arbeiter und suspendierte 25 Leute. Als Protest wurde daraufhin das Essen und Überstunden verweigert. Die Stückzahlen der Roller fielen von 1.000 auf 500.
Am 22. Juni verkündete das Management am Aushang, dass sich die Praktikanten, deren Trainingszeit vorüber war, am 24. Juni einem Test unterziehen lassen müssten, an einem Sonntag. Die Leute, die den Test bestehen und deren Beschäftigung als notwendig anerkannt wird, würden festeingestellt. Bisher hatte das Unternehmen Praktikanten einfach übernommen, es gab keinen Test. Am Sonntag erschien niemand zum Test. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 50 Arbeiter suspendiert worden. Am 27. Juni, als wir zu Schichtbeginn am Fabriktor ankamen, forderte uns das Management auf, bestimmte Bedingungen per Unterschrift anzuerkennen. Als wir dies verweigerten, verweigerte uns das Unternehmen den Zutritt. Rund 300 Beschäftigte des unteren und mittleren Managements, 40 bis 50 festangestellte Arbeiter nahmen am 27. Juni die Arbeit auf. Hinzu kamen viele Leiharbeiter, die u.a. von Zulieferern spontan angeheuert wurden. Es waren damit ungefähr 2.000 Leute in der Fabrik. Die Polizei zog am Fabriktor auf. Vor dem Tor standen rund 4.000 Arbeiter.
Eine Petition der Gewerkschaft ging bei der Verwaltung ein. Eine Demonstration. Der Sachverhalt wurden selbst im Parlament besprochen, in der Sitzung am 11. Juli 2005. Es änderte sich nichts. In dieser Situation fand der Zusammenstoß mit der Polizei am 25. Juli statt, als wir zusammengeknüppelt wurden. Danach wurden im Fernsehen Ansprüche erhoben, große Dinge verkündet, in Zeitungen und von politischen Führern. Es sah so aus, als würde unser Problem jetzt gelöst werden. Aber auf Anweisung der indischen Zentralregierung schickte uns der unter Aufsicht des Ministerpräsidenten von Haryana geschlossene Kompromiss zur Hölle. Laut Kompromiss kehren die Arbeiter am 1. August zurück in die Fabrik, aber sie sind voll Wut. Alle sind genervt: wenn wir nach all dem letztendlich doch die Bedingungen des Unternehmens akzeptieren müssen, warum haben wir uns dann überhaupt in den Kampf begeben. Die 35 Praktikanten, deren Trainingsperiode ausgelaufen war, sind immer noch nicht wiedereingestellt worden. Die am 26. Juni gefeuerten 500 Leiharbeiter sind nicht wiedereingestellt worden. Die Leute, die am 27. Juni als ‘Streikbrecher’ eingestellt worden sind, bleiben im Werk. Das Unternehmen will uns für die Zeit vom 27. Juni bis 31. Juli nicht bezahlen. Der Verhandlungsabschluss hat die ArbeiterInnen gespalten.

Bezüglich des Lohnniveaus und der vom Management im April 2005 angebotenen Lohnerhöhung geben andere Quellen andere Zahlen an. Laut Bürgerkomitee (Citizens’ Commitee), welches sich in Folge des Angriffs im Juli 2005 bildete, betrug der Lohn für festangestellte ArbeiterInnen vor April 2005 rund 6.900 Rupies, nach Abzügen blieben den ArbeiterInnen 5.000 Rupies übrig. Sie geben auch an, dass es zwischen 2001 und 2005 nur minimale Lohnzuwächse von 200 bis 300 Rupies gegeben hatte. Im April 2005 bot das Management dann eine Lohnerhöhung von 3.000 Rupies an, was den Lohn auf 8.000 Rupies aufstockte. Die ArbeiterInnen sollen individuell von der Lohnerhöhung informiert und aufgefordert worden sein, ein Dokument zu unterschreiben, demnach sie freiwillig auf diverse (gewerkschaftliche) Rechte verzichten. Der Kantinenstreik war eine Antwort auf die Weigerung des Managements, die unterschriebenen Dokumente zurückzugeben. Im folgenden eine Chronologie der Ereignisse.

Chronologie des Kampfs und der Repression bei Honda HMSI

Februar 2005
Ein offizieller Antrag auf Bildung einer Gewerkschaft für Honda (HMSI) wird gestellt

Mai 2005
Als Antwort auf Proteste gegen Willkür seitens des Managements und Einführung eines Tests für PraktikantInnen werden vier ArbeiterInnen entlassen und 27 suspendiert. Ein weiterer Essensboykott beginnt. Dass Management rechnet den ArbeiterInnen die 19 Rupies pro Tag an, mit denen das Unternehmen normalerweise das Essen ‘subventioniert’.
Nachdem ein Manager einen Arbeiter getreten hat, versammeln sich seine KollegInnen und rufen Parolen. Der Manager entschuldigt sich vor den versammelten ArbeiterInnen. Das Management fordert die ArbeiterInnen auf, 15 Delegierte zu schicken. Die Produktion bleibt anderthalb Tage ausgesetzt. Das Management bietet eine Lohnerhöhung an, weigert sich aber, eine Gewerkschaft im Werk anzuerkennen. Angeblich wird ein Manager während einer Protestaktion zusammengeschlagen. Vermittlungen zwischen Management, Deputy Commissioner und ArbeiterInnenvertreter scheitern.
Während dieser Zeit wurde das Zulieferunternehmen Omax in Gurgaon durch einige Streiks gebeutelt. Interessanter Weise zog sich ein Streik durch den ganzen Juni, also genau zu der Zeit, als die ArbeiterInnen bei Honda HMSI ausgesperrt waren. Dieser Streik wurde einen Tag vor dem Bullenangriff auf die Honda ArbeiterInnen abgebrochen und soll dem Unternehmen 50 Millionen Rupies Verluste eingebracht haben.

25. Juni 2005
1.500 ArbeiterInnen der A-Schicht halten eine Kundgebung ab. Der Staat und das Unternehmen erhöhen den Druck auf ArbeiterInnen, die als potentielle Gewerkschaftsvertreter bekannt sind. Sie werden von Schlägern besucht. Zwei Arbeiter werden aus dem zweiten Stock ihres Hauses geworfen.

27. Juni 2005
Honda (HMSI) verkündet die Aussperrung. Die Unternehmensbusse werden nicht losgeschickt, um ArbeiterInnen von zu Hause abzuholen. Honda bietet eine ‘Einverständniserklärung für gute Zusammenarbeit’ als Voraussetzung für die Aufhebung der Aussperrung an. Die Leute sollen unterschreiben, dass:
a) die entlassenen ArbeiterInnen nicht wieder eingestellt werden;
b) die Suspendierungen weiter prozessiert werden;
c) innerhalb der nächsten drei Jahre keine neuen Forderungen aufgestellen werden.

28. Juni 2005
Die ArbeiterInnen bzw. die Gewerkschaftsvertreter zeigen sich bereit, die ‘Einverständniserklärung’ zu unterschreiben. Das Unternehmen verweigert den ArbeiterInnen aber weiterhin den Zugang zur Fabrik. Ein Sitzstreik beginnt vor dem Fabriktor. Die Gewerkschaftsvertreter kontrollieren und notieren zweimal pro Tag die Anwesenheit. Die obere Führungsebene der Gewerkschaftsverbände AITUC und CITU mischen sich ein.

29. Juni 2005
Nach der Aussperrung von 2.000 ArbeiterInnen am 27. Juni werden nun fast 2.000 ArbeiterInnen aus der Umgebung rekrutiert. Viele von ihnen haben schon in der Zulieferindustrie von Honda (HMSI) gearbeitet. Sie werden alle durch einen lokalen Kontraktor angeheuert, bekommen einen Halbjahresvertrag. Die ArbeiterInnen müssen in der Fabrik bleiben, für die Zeit der Aussperrung dort schlafen. Angeblich wird ihnen 5.000 Rupies pro Monat gezahlt. Außerdem sollen rund 250 festangestellte ArbeiterInnen und 500 bis 600 Angestellte in der Fabrik sein.

11. Juli 2005
Eine Demonstration mit 10.000 bis 12.000 TeilnehmerInnen findet in Gurgaon statt. Abgeordnete des Parlaments der CPI und CPI(M) halten reden.

14. Juli 2005
Sechs Gewerkschaftsvertreter werden festgenommen. Verhandlungen gehen weiter, aber Honda lehnt die Anerkennung der Gewerkschaft weiterhin ab. Das Unternehmen erklärt sich bereit, die ArbeiterInnen wieder in die Fabrik zu lassen, allerdings nur in kleinen Gruppen. Die geforderte maximale Gruppenstärke wird vom Unternehmen von 1.400 auf 400 runtergeschraubt.

18. Juli 2005
400 ArbeiterInnen wird der Zugang trotz unterschriebener ‘Einverständniserklärung’ und vorangegangener Zusage verweigert. Eine Quelle gibt an, dass die in der Fabrik ausharrenden LeiharbeiterInnen an diesem Punkt panisch wurden und viele aus Angst vor den zurückkehrenden ArbeiterInnen aus der Fabrik flüchteten. Andere Quellen geben an, dass sie erst nach der Polizeiattacke am 25. Juli flüchteten, weil sie Angst vor der Polizei hatten.

19. Juli 2005
1.100 ArbeiterInnen haben die ‘Einverständniserklärung’ unterzeichnet. Das Management bietet an, die Leute in Gruppen von 100 pro Tag zurück in die Fabrik zu lassen. Die Gewerkschaft verweigert dies, angeblich aus Angst vor Repression.

23. Juli 2005
Die Honda-ArbeiterInnen blockieren den National Highway 8 von sechs bis zehn Uhr abends.

25. Juli 2005
Zwischen 3.000 und 4.000 ArbeiterInnen (davon rund 700 bis 800 von anderen Unternehmen) versammeln sich in einem öffentlichen Park in Gurgaon. Es gibt erste Auseinandersetzungen mit der Polizei, ein Polizeiauto wird in Brand gesetzt. Später werden Provokateure und politische Gruppen für die Gewalt verantwortlich gemacht. Die demonstrierenden ArbeiterInnen werden von Vertretern der Regierung von Haryana und dem Deputy Commisioner zu einer Regierungsgebäude in Gurgaon gebeten. Ihn wird versprochen, dass dort ein politisch Verantwortlicher mit ihnen reden wird. Stattdessen werden sie dort von der Polizei eingekesselt und brutal zusammengeschlagen. Der Polizeiangriff muss im vornherein geplant worden sein. Der Platz hat nur einen Ausgang, und hinter dem Gebäude warteten bereits mehrere Hundertschaften. 800 ArbeiterInnen werden verletzt, viele werden nach der Verhaftung in den Polizeistationen weiter geschlagen. 79 der 375 verhafteten ArbeiterInnen waren nicht bei Honda beschäftigt. 63 ArbeiterInnen werden nach dem Angriff angezeigt, Anklage wegen versuchten Mordes. Im späteren Verlauf werden diese Anzeigen als Druckmittel genommen, um durchzusetzen, dass die Verantwortlichen der Polizei unbehelligt bleiben. Die Anklagen werden für die nächsten zwei Jahre aufrechterhalten. (Videoaufnahmen des Bullenangriffs wurden verbreitet, siehe: www.gurgaonworkersnews.wordpress.com)

26. Juli 2005
In Gurgaon geht die Gewalt weiter, meistens vor Polizeistationen und Krankenhäusern. Verwandte suchen nach ihren verhafteten Angehörigen, einige bleiben für Tage verschwunden. In der Honda-Fabrik läuft nur eine Schicht.

29. Juli 2005
Vereinbarung zwischen Unternehmensleitung und der nun anerkannten Gewerkschaft:
a) die Arbeitsdisziplin nach Rückkehr in die Fabrik wird zugesichert;
b) ausstehende kollektive Forderungen gelten als zurückgezogen, es werden für ein Jahr keine neuen Forderungen gestellt;
c) bei gutem Verhalten und entsprechender Produktivität verspricht die Unternehmensführung den Lohn innerhalb eines Jahres zu erhöhen;
d) die Anzahl der LeiharbeiterInnen bleibt auf dem Niveau wie vor der Aussperrung (die LeiharbeiterInnen, die vor der Aussperrung beschäftigt waren und die am Kampf teilnahmen sind nicht wieder eingestellt worden);
e) Honda zieht in Erwägung die 33 entlassenen PraktikantInnen wieder einzustellen (dies passierte nicht).

Die Stückzahlen im Mai, Juni und Juli 2005 betrugen nur 10 Prozent des normalen Monatsdurchschnitt, also 200 statt 2.000 Roller. Angeblich soll dem Unternehmen durch die Aussperrung ein Schaden von ‘nur’ 1.3 Milliarden Rupies entstanden sein, was sich angesichts der Ausfallzahlen und eines Rollerpreises von rund 30.000 Rupies nur dadurch erklären ließe, dass der Ausfall durch Nacharbeit aufgeholt wurde.

Resümee des Kampfs 2005

Der Kampf bei Honda HMSI war Anstoß einer Neuausrichtung der herrschenden Klasse: aus gegebenem Anlass fanden Gespräche zwischen der japanischen und indischen Regierung über Investitionspolitik und ihren rechtlichen Rahmen statt; die ortsansässigen Unternehmerverbände verlangten mehr Unterstützung von der Landes und Bundesregierung; die Hauptgewerkschaftsverbände stellten ihren Anspruch nach Teilnahme an den Verhandlungen in und um die neuen Industrien. Für die lokalen Repräsentanten des Kapitals wurde während des Monats der Aussperrung deutlich, dass die Situation in beide Richtungen offen war. Der Kampf bei Honda hätte zum Katalysator für eine weit verbreitete Unruhe in den Industriegebieten im Süden von Delhi werden können. Es gibt unbestätigte Gerüchte, dass den LeiharbeiterInnen bei Hero Honda während oder kurz nach der Aussperrung bei Honda HMSI eine Lohnerhöhung zugestanden wurde. Ein bereits vom Escort-Management geplanter Restrukturierungsangriff im Traktorenwerk im benachbarten Faridabad wurde auf Intervention von Regierungsseite mit expliziter Bezugnahme auf die Geschehnisse bei Honda auf Eis gelegt. Die lokale Unternehmervereinigung Gurgaon Industrial Association forderte den Staat während der Aussperrung auf, den Konflikt zu lösen, da er in anderen Werken der Zulieferindustrie für Unruhe sorgte. Es war klar, das ein Exempel gegen die Ansprüche und Unruhe der weiteren Industriearbeiterschaft notwendig war, und dies wurde an den blutigen Köpfen der Honda ArbeiterInnen statuiert.
Es ist klar, dass die Aussperrung den Wendepunkt des Konflikts markierte. Mit der Aussperrung wurden die ArbeiterInnen abhängiger von der externen Unterstützung und den offiziellen (gewerkschaftlichen) Organisationen mit ihren jeweiligen Eigeninteressen. Die darauf folgenden Mobilisierungen (Versammlungen, Ansprachen der Führer, Demonstrationen) fanden anders als die Aktionen im Werk selbst in der üblichen Manier statt. Sie endeten mit der öffentlichen Demütigung und Zerschlagung der ArbeiterInnen. Die Frage besteht darin, ob die ArbeiterInnen es hätten vermeiden können, in dieser Form zu Opfern gemacht zu werden. Die Konzentration auf die Frage der gewerkschaftlichen Anerkennung wurde zum Teil des Problems: für die zu bildende Gewerkschaft wurde die öffentliche Aufmerksamkeit und das politische Spektakel von Parlamentsabgeordneten und Gewerkschaftsführern zum notwendigen Element. Nach der Repression bekam die Gewerkschaft ihre Anerkennung, aber ihr Handlungsspielraum wurde durch das Abkommen gleichzeitig drastisch eingeschränkt. Die LeiharbeiterInnen, die Teil der Mobilisation waren, werden durch die Gewerkschaft nicht vertreten. Für sie bedeutete das Abkommen den Verlust ihres Jobs, während die festangestellten ArbeiterInnen zurückkehren konnten.

Was hat sich in der Honda HMSI Fabrik nach der Repression im Juli 2005 und mit Anerkennung der Gewerkschaft verändert?

Auf die Frage nach der Atmosphäre in der Fabrik nach dem Polizeimassaker und nach möglichen Problemen mit der Arbeitsdisziplin wütender ArbeiterInnen antworteten zwei der jungen Honda Gewerkschafter: “Nein, da gab es keine Probleme. Jetzt, da wir vom Management akzeptiert sind, ist die Atmosphäre besser als zuvor.” Die Gewerkschaft hat jetzt ein kleines Büro im Werk, direkt neben der Kantine und dem Büro des Rekrutierungsbüros des Kontraktors für LeiharbeiterInnen. Im Büro hängen Poster mit Bildern des Bullenangriffs. Die acht jungen Gewerkschafter haben alle selbst als Maschinenbediener oder am Band in der Produktion gearbeitet. Während der Mobilisierung sind einige von ihnen Zielscheibe für das Unternehmen geworden. Sie wurden von bezahlten Schlägern angegriffen und haben seit Juli 2005 diverse Anzeigen am Hals. Jetzt sind sie freigestellt, sie müssen nicht arbeiten, solange sie als ArbeiterInnenvertreter gewählt sind. Ein Einkommen ohne Arbeit ist ein großes Privileg in Indien. Sie kommen mit der professionellen politischen Kaste zusammen, werden auf Versammlungen eingeladen, organisieren selber welche, lernen mit modernen Kommunikationsmitteln und der Presse umzugehen, kümmern sich um viele Belange in der Fabrik.
Im März 2006 sagt einer von ihnen auf die Frage, wie sich der Fabrikalltag seit Juli 2005 geändert hat: “Nach der Aussperrung haben sich kleine Details geändert. Die Löhne sind angestiegen. Im Oktober 2005 bekommen die ungelernten festangestellten ArbeiterInnen 8.150 und die gelernten 11.200 Rupies (im Vergleich: die in der Produktion beschäftigten gelernten LeiharbeiterInnen bekommen im Juli 2007 nur rund 4.600 Rupies brutto, 3.600 netto). Für die Familien der Festangestellten gibt es eine bessere Absicherung für Krankheits- oder Todesfälle. Außerdem ist es einfacher geworden, einen Tag für Familienangelegenheiten frei zu bekommen. Das Management diskutiert Änderungen jetzt zuerst mit uns, setzt sie nicht einfach durch. Auch in der Produktion haben sich Sachen geändert. Früher musstest du immer einem Vorarbeiter Bescheid sagen, wenn du auf die Toilette wolltest, jetzt gibt es einen Springer. Auch das Verhältnis zu den 80 bis 90 Frauen in der Fabrik hat sich geändert. Früher war es verboten, miteinander zu reden, das ist jetzt lockerer geworden. Aber es gibt auch negative Veränderungen: vor der Aussperrung gab es für die LeiharbeiterInnen die Chance, übernommen zu werden. Die gibt es jetzt nicht mehr. Daran will die Gewerkschaft etwas ändern.” Dies ist bisher nicht passiert, im Gegenteil. Seit der Anerkennung der Gewerkschaft ist die Anzahl der LeiharbeiterInnen sowohl relativ als auch absolut angestiegen. Auch die Produktivität nahm zu.
Folgendes Zitat zeigt die schwierige Position der Gewerkschaft nach ihrer Anerkennung: “Es gab ein Vorkommnis am 2. September 2005, als zwei Vorarbeiter in der Werkhalle für Aluminiumbearbeitung ArbeiterInnen schlecht behandelten, so provozierend wie früher. Die ArbeiterInnen der Abteilung reagierten. Rund 150 kamen zu den Gewerkschaftsführern und verlangten ihre Intervention. Als diese versuchten, den Konflikt mit dem zuständigen höhergestellten Manager zu bereinigen, wurde dieser wütend und ließ seine Wut an den Gewerkschaftern aus. Die ArbeiterInnen der gesamten Schicht legten daraufhin die Arbeit für 15 Minuten nieder. Ein Gewerkschafter sagte: ‘Wir sind dann in alle Abteilungen gegangen, um die Arbeiter wieder zur Arbeit aufzurufen. Wir wollten nicht, dass die Produktion gestoppt wurde. An diesem Tag waren die meisten höheren Manager in Chandigarh. Als sie am nächsten Tag zurück waren, tat ihnen der Vorfall mit ihrem Kollegen leid, und sie würdigten unsere Intervention in der Angelegenheit.’
Ein weiterer Vorfall ereignete sich am 9. September 2005. Die A-Schicht schaffte es zum ersten Mal seit Anerkennung der Gewerkschaft, die geforderte Sollzahl von 1.000 Rollern zu erfüllen. Früher wurde diese Sollzahl bei fast jeder Schicht erreicht. Die Gewerkschaft versuchte zu erklären, warum die Sollzahl bisher nicht erreicht werden konnte. Als der Vize-Präsident von Honda von der Erfüllung des Solls erfuhr, kamen er und der Produktionsleiter in die Hallen und verteilten Süßigkeiten an alle ArbeiterInnen.” (MANAGEMENT CASE HONDA MOTORCYCLES AND SCOOTERS INDIA LIMITED (HMSI)* Debi S. Saini)

Wilder Streik der LeiharbeiterInnen bei Honda HMSI im September 2006

Es ist schwierig, ein klares Bild vom Charakter des wilden Streiks der LeiharbeiterInnen zu bekommen. Als Informationsquellen müssen wir uns auf wenige Zeitungsmitteilungen, auf Aussagen gewerkschaftsnaher AktivistInnen und einen Artikel aus den Faridabad ArbeiterInnen Nachrichten (FMS) beschränken. Wichtiger ist der Zusammenhang dieses Streiks als Ausdruck der wachsenden Unruhe unter den ZeitarbeiterInnen in den Großbetrieben der Region (siehe Abschnitt zu wilden Streiks bei Hero Honda, und Delphi).

Illegaler Streik von LeiharbeiterInnen bei Honda
20. September 2006
Am zweiten Tag des Streiks in der Honda Fabrik in Manesar erklärte das Management die Arbeitsniederlegung für illegal. Rund 200 ArbeiterInnen fordern die Festeinstellung. “Laut Arbeitsrecht hat ein Arbeiter nach 240 Tagen Beschäftigung in einem Betrieb ein Recht auf Festeinstellung. Die Streikenden hier haben nicht ein mal 100 Tage im Betrieb gearbeitet, wie können wir sie da ins Unternehmen aufnehmen?”, sagte ein Unternehmenssprecher. Das Honda Management “habe nichts mit der Verhandlungen zu tun. Dies ist Angelegenheit der Kontraktoren, der Arbeiter und der staatlichen Vermittler.” Auf die Frage hin, ob die Produktion vom Streik betroffen sei: “Die Produktion läuft nach Marktplan, es gibt keine Beeinträchtigung durch den Streik.” Sondereinheiten der Polizei wurden um die Fabrik herum zusammengezogen, um Gewalttaten zu verhindern. (The Tribune)

Der Gewerkschaft nahestehende AktivistInnen sagen aus, dass der Streik von ‘Provokateuren’ und ‘Aufrührern’ angezettelt wurde. Diese sollen Verbindungen zu anti-gewerkschaftlichen Festeingestellten und zum Management haben. Der Streik sei als Versuch zu werten, die Gewerkschaft zu untergraben. Sie beschreiben die Situation vor Ort wie folgt:

“Die Honda Gewerkschaft hatte gerade ihren ersten Tarifvertrag mit der Unternehmensleitung abgeschlossen. In dem Vertrag gibt es eine Klausel, die besagt, dass offene Stellen, die durch Ausscheiden von Festangestellten entstehen, zukünftig von Leiharbeitern besetzt werden müssen, die momentan bei HMSI arbeiten oder dort einmal gearbeitet haben. Die Gewerkschaft kündigte eine Versammlung am Fabriktor an, um den Vertrag allen Arbeitern zu erklären. Als Folge von Missverständnissen gewannen ein paar Leiharbeiter den Eindruck, dass die Gewerkschaft nicht mit ihnen reden wolle. Eine kleine Gruppe unter den Leiharbeitern (angeblich jene, die während der Aussperrung weitergearbeitet hatten und die angeblich durch das Management unterstützt werden) rief die Leiharbeiter der A-Schicht in die Kantine. Alle Leiharbeiter folgten dem Aufruf, die meisten dachten, es wäre ein Aufruf der Gewerkschaft. Die Gruppe von Unruhestiftern rief dann zum Streik auf. Sie fingen an, anti-gewerkschaftliche Parolen zu rufen und warfen der Gewerkschaft vor, sie nicht zu repräsentieren. Die A-Schicht blieb im Werk, die B- und C-Schicht versammelte sich vor dem Fabriktor. Den Gewerkschaftsvertretern wurde angeraten, nicht zur Kantine zu gehen, sie würden körperlich angegriffen. Das Resultat des Streiks besteht in Gerüchten: angeblich sollen sich Gewerkschaft und Management darauf geeinigt haben, dass Leiharbeiter künftig nicht mehr in der unmittelbaren Prodution eingesetzt werden sollen. Die Gewerkschaft will damit das Management zur Regularisierung der Beschäftigten zwingen. Nach der Besetzung wurde die Gruppe der ‘Provokateure’ gefeuert.”

Die Darstellung wirft einige offenen Fragen auf: Welches Interesse könnte das Management an einer Destabilisierung der Gewerkschaft und der allgemeinen Lage im Betrieb nach gelungenem Tarifabschluss haben? Welche Bedeutung hat eine Klausel, die besagt, dass bei Ausscheiden von Festeingestellten die Stelle mit ZeitarbeiterInnen besetzt werden muss, wenn die Mehrzahl der festeingestellten ArbeiterInnen erst Mitte 20 ist und die Leiharbeiter alle sechs Monate entlassen werden? Wie schafft es eine kleine Gruppe von ‘Aufrührern’, 700 ArbeiterInnen dazu zu bewegen, über Tage die Kantine zu besetzen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die anderen Schichten Solidaritätsbekundungen am Tor durchführen?
Gegen die These eines durch das Management provozierten Streiks spricht die Tatsache, dass die LeiharbeiterInnen in anderen Großbetrieben der Gegend kurz vorher bzw. nachher ähnliche Besetzungen organisierten (siehe Hero Honda und Delphi). Folgender Artikel aus der FMS stellt ähnliche Fragen.

“In der Presse gratuliert der Deputy Commissioner von Gurgaon der Gewerkschaft, dem staatlichen Vermittler und dem Honda Management zu einem frisch abgeschlossenen Vertrag mit dreijähriger Laufzeit, in dem u.a. ein produktivitätsabhängiges Bonussystem verankert ist. Am Tag darauf, am 18. September stellte die Gewerkschaft in einer Versammlung den Vertrag vor. Als einige LeiharbeiterInnen und Auszubildende anfingen, Fragen zu stellen, antworteten die Gewerkschaftsvertreter, dass das Unternehmen nur anderthalb Stunden für die Versammlung zugestanden hätte und das bereits zwei Stunden vergangen seien. Man solle später über die Angelegenheit reden. Am nächsten Tag besetzte die A-Schicht die Kantine. Die Unternehmensleitung lies die Kantine von außen verschließen, kappte Wasser und Strom. Eintreffenden Journalisten und Fernseh-Teams wurde der Zugang verwehrt. Gegenüber den Medien gab die Unternehmensleitung die Anzahl der ArbeiterInnen in der Kantine mit 150 an, über Mobiltelefone gaben die ArbeiterInnen ihre Anzahl mit 1.200 bis 1.500 an. Laut Gewerkschaft waren 700 ArbeiterInnen in der Kantine. Das Unternehmen rechnete mit Ärger und entschied sich, die Türen zur Kantine wieder zu öffnen. Die ArbeiterInnen blieben in der Kantine sitzen. Den LeiharbeiterInnen der folgenden Schichten wurde der Zugang zur Fabrik verwehrt. Sie fingen an, Parolen vor der Fabrik zu rufen. Der zuständige LC des Staates Haryana erreichte die Fabrik am 20. September. In der Fabrik konnte er weder gesprächsbereite Vertreter des Unternehmens noch der ArbeiterInnen treffen. Der DC von Gurgaon beorderte die Polizei und die Ambulanz auf das Fabrikgelände. Am 22. September erklärte das zuständige Gericht den Streik für rechtswidrig und gab die Anweisung an die Polizei, die Streikenden aus der Fabrik zu entfernen und die vor dem Tor versammelten ArbeiterInnen abzudrängen und in 300 Meter Distanz zur Fabrik zu halten. Als diese Anweisungen ignoriert wurden, wiederholte sie das Gericht am 23. September. Dem Gewerkschaftspräsidenten fiel nichts anderes ein, als den versammelten ArbeiterInnen zu sagen, dass sie entweder Arbeiten gehen sollten, oder für immer zu Hause bleiben. Nachdem sich die Gewerkschaft als nutzlos herausgestellt hatte, versuchten gewerkschaftsnahe Aktivisten die Situation in den Griff zu bekommen und die rebellischen ArbeiterInnen zum Dialog zu bewegen. Am 24. September war die Revolte abgekühlt.”

Weniger als einen Monat nach dem Streik unterzeichnen Management und Gewerkschaft eine Absichtserklärung für gute Zusammenarbeit. “Diese Erklärung ist ein Symbol der erneuerten Verpflichtung von Management und Belegschaft. Wir hoffen, dass Management und Gewerkschaft zusammenarbeiten werden um neue Standards in der Beziehung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer setzen zu können und das Unternehmen zu neuen Gipfeln zu bringen”, so der Präsident der Gewerkschaft. Es ist unwahrscheinlich, dass der wilde Streik der LeiharbeiterInnen allein auf das Werk von unternehmerfreundlichen Aufrührer zurückzuführen ist, nichtsdestotrotz ist es richtig, dass die Honda Fabrik weiterhin ein Streitfeld unterschiedlichster politischer Interessen ist, die versuchen, die ArbeiterInnen für sich zu instrumentalisieren. Im Juni 2007 fand eine Schlägerei zwischen ArbeiterInnen innerhalb der Fabrik statt. Ein ‘ortsansässiger’ Arbeiter musste mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Laut Informationen einer Gewerkschaftsaktivisten zeigte eine Gruppe ‘ortsansässiger’ ArbeiterInnen die Gewerkschaftsführer wegen versuchten Mordes an. Die Unternehmensleitung reagierte mit Suspendierung der Gewerkschafter, diese mussten für mehrere Tage in den Untergrund, um einer Verhaftung entgehen zu können. Man könnte über die Motive des Managements spekulieren. Nach dem Abschluss des Tarifvertrags und des wilden Streiks gab es nur kleinere Konflikte im Werk, u.a. wegen des Kantinenessens und den Unternehmensbussen. Wenn die Unternehmensleitung die Gewerkschafter hätte loswerden wollen, hätte es die Anzeige wegen versuchten Mordes als Grund für eine fristlose Entlassung nehmen können. Durch den öffentlichen Charakter der Schlägerei – die Polizei nahm den Fall auf, die Presse berichtete, alle ArbeiterInnen wussten von dem Vorfall – war die Unternehmensleitung gezwungen, durch die Suspendierung die eigene Autorität im Werk zu demonstrieren. Im August 2007 wurde die Suspendierung dann auch vom Management zurückgenommen. Kurz vorher sprachen wir mit einem Leiharbeiter, der nach sechs Monaten Beschäftigung bei Honda die übliche Kündigung erhalten hatte und vor dem Werk auf seinen ausstehenden Lohn wartete. Er berichtete von grundlegenderen Problemen:

“In der Fabrik arbeitet mittlerweile eine große Anzahl von LeiharbeiterInnen. In der Produktion sind es fast 3.000. Sie werden durch zwei Kontraktoren eingestellt. Dazu kommen 200 Reinigungskräfte, 100 KantinenarbeiterInnen, mehr als 50 Security Guards, 40 Fahrer für das Management und 150 FahrerInnen für Busse und Sammeltaxis. Alle arbeiten als ZeitarbeiterInnen. Die harten Jobs in der Produktion werden meistens von LeiharbeiterInnen gemacht. Wir haben zwar alle eine ITI-Ausbildung, aber im Werk werden wir nicht nach unseren Qualifikationen beschäftigt. Nach sechs Monaten Beschäftigung gibt es die Kündigung, und man kann erst nach einer achtmonatigen Pause wieder anfangen. In den letzten Monaten hat der Kontraktor Leute eingestellt, die uns kontrollieren sollen, allein in der Rollermontage sind zehn von ihnen. Wenn sie sehen, dass du dich mal kurz hinsetzt, nehmen sie dir den Unternehmensausweis weg und schmeißen dich raus. Man hat ständig Angst wegen dieser Leute.
Wir LeiharbeiterInnen verdienen 3.249 Rupies im Monat, dazu kommen 775 Rupies Bonus für tägliche Anwesenheit. 1.000 Rupies werden aber aus unersichtlichen Gründen wieder abgezogen. Honda zieht monatlich rund 400 Rupies für Kranken- und Arbeitslosenversicherung vom Lohn ab, allerdings steht die Arbeitslosenversicherungsnummer nur auf den Lohnzetteln von wenigen. Nach den sechs Monaten erhalten 95 Prozent der gekündigten ArbeiterInnen nicht das ihnen zustehende und eingezahlte Geld.”

Quellen:
“Police Attack on Honda Workers” – Workers’ Solidarity, 2005
“On the Wings of Evil” – Citizens’ Committee Enquiry Report, 2005
Links:

http://www.cec-india.org/leftlinks/03/toplinks/1/Fact%20Finding%20Report.pdf

http://59.92.116.99/website/DOCPOST/Legal_Rights/July05/PDF%20July-05-LR/RD10%20-%20Police%20savage%20striking%20Haryana%20workers.pdf

4.3.2 Wilder Streik bei Hero Honda, April 2006

Einleitung
Das Unternehmen Hero Honda
Der Streik bei Hero Honda, April 2006
Chronologie des Streiks
Forderungen und Resultate des Streiks
Der anschliessende Streik beim Zulieferer Shivam Autotech
Kurzer Besuch in der zweiten Zulieferreihe: Hero Honda > Shivam Autotech > KDR

Einleitung

Im folgenden Bericht stellen wir zuerst das Unternehmen Hero Honda vor, dann gibt es Berichte von der Fabrikbesetzung. Im zweiten Abschnitt wird der im unmittelbaren Anschluss stattgefundene Kampf beim Zulieferunternehmen Shivam Autotech und ein Kurzbesuch bei KDR Forgings in der zweiten Zulieferreihe beschrieben.

Das Unternehmen Hero Honda

Im Jahr 2006 verkaufte Hero Honda 3.337.000 Motorräder in Indien. Der Marktanteil liegt damit bei 40 bis 45 Prozent. Hero Honda ist somit der größte Motorradhersteller weltweit. Im Jahr 2007 wurde der Grundstein für eine weitere Fabrik in Gurgaon gelegt. Die bereits in Gurgaon existierenden Produktionskapazitäten von täglich 6.000 Motorrädern soll aufgestockt werden.
Die Hero Gruppe wird von der Industriellen-Familie Munjal geleitet. Das Unternehmen begann als Teilehersteller für Fahrräder in den 1940ern. Seitdem hat sich die Gruppe in verschiedene Zweige der Industrie eingekauft, u.a. Stahlverarbeitung, Komponentenherstellung. Im Jahr 1984 ging die Hero-Gruppe ein Joint Venture mit dem japanischen Automobilunternehmen Honda ein. Die Zusammenarbeit kriselte 1999, als Honda eine 100prozentige Tochterfirma Honda HMSI in Indien eröffnete, die ebenfalls im Roller und Motorradsegment produziert. Das Honda HMSI-Werk ist nur 15 Kilometer von der Hero Honda-Fabrik entfernt. Hero Honda wurden Anteile an HMSI versprochen, außerdem wurde eine Konzentration auf unterschiedliche Preisklassen festgelegt. Hero Honda und HMSI beziehen auch Teile aus einer ähnlichen Zulieferstruktur. Die sieben Hauptlieferanten von Komponenten gehören genauso zur Munjal Group (Munjal Showa Ltd., Sunbeam Auto ltd., Majestic Auto Ltd. Shivam Autotech Ltd.) wie die Hauptkontraktoren der Leiharbeitskraft für das Werk in Gurgaon (Sehgal Brothers, Prakash Contractor und Ram Mehar Mann/RSV Enterprises).
Die Unternehmensleitung fährt gegenüber den festangestellten ArbeiterInnen eine sehr paternalistische Linie, eine Mischung von strikter sozialen Kontrolle und Familienausflügen. Die Festangestellten im Gurgaon-Werk werden in eine vom Rest der prekären Arbeitskraft abgesonderte Position gehoben, zum einen durch Zuweisung von Vorarbeiterfunktionen, als auch optisch durch unterschiedliche Arbeitsuniformen. Laut Aussagen eines ehemaligen Hero Honda-Arbeiters arbeiten nur 25 Prozent der LeiharbeiterInnen in der Produktion, die meisten sind in der Ersatzteileabteilung. Diese Abteilung versendet täglich Ersatzteile im Wert von 40 bis 50.000.000 Rupies. Diese Teile werden nicht im Werk hergestellt, sie kommen von Teilelieferern und werden im Werk verpackt und versandfertig gemacht.
Folgendes Zitat aus einer Management-Studie zu Hero Honda in Gurgaon zeigt, dass der Paternalismus bereits mit der Festeinstellung der Arbeitskraft beginnt:
“Das Werk in Gurgaon hat beachtliche Schwierigkeiten bei der Suche nach passender Arbeitskraft für die Produktion. Die Integrität der Bewerber, mögliche dokumentierte Fälle von Alkoholismus und Vandalismus so wie gewerkschaftlicher Aktivitäten werden für die Auswahl unter die Lupe genommen. Die Personalabteilung hat sich daher für die zeitaufwendige Methode der Herkunftskontrolle entschieden. Vormalige Arbeitgeber werden konsultiert und Leute befragen im Auftrag von Hero Honda Laden- und Teebudenbesitzer in der Nachbarschaft des Kandidaten. Hero Honda lehnt die Einstellung auch hochqualifizierter Arbeiter ab, wenn eine vorherige gewerkschaftliche Betätigung festgestellt werden kann. Hero Honda hat das japanische Modell der Unternehmensgewerkschaft übernommen, in der alle Beschäftigten, von der Hilfskraft bis zum Manager organisiert sind und die sich neben den alltäglichen Problemen auch um die Lohnabschlüsse kümmert.”
(“Transferability of Japanese Human Resource Management Practices: Case Study of Honda Japan and its Joint Venture Hero Honda in India” by Ms. Srabani Roy Choudhury)

Als der wilde Streik begann, wurde die allgemeine Trennung zwischen den 1.400 festangestellten ArbeiterInnen und den 4.000 LeiharbeiterInnen offensichtlich. Die Unternehmensführung beorderte die Festangestellten in den Urlaub und diese folgten der Anweisung.

Der Streik bei Hero Honda

Die LeiharbeiterInnen der Hero Honda Fabrik hatten aus verschiedenen Gründen die Schnauze voll:
* Obwohl die Hälfte der ZeitarbeiterInnen seit mehr als sechs Jahren im Werk arbeiten, wurden ihnen keine Festverträge angeboten.
* Es gibt enorme Lohnunterschiede zwischen den ArbeiterInnen: ein festeingestellter Arbeiter kann nach sechs Jahren bis zu 30.000 Rupies im Monat verdienen (diese Information kommt von LeiharbeiterInnen und bezieht sich auf Vorarbeiterposten, andere Quellen geben den Lohn mit 18.000 Rupies an), demgegenüber verdienten Leiharbeiter vor dem Streik zwischen 2.200 und 6.200 Rupies.
* Die meisten ArbeiterInnen haben verschiedenste Scherereien, weil sie keinen Unternehmensausweis bekommen. Dieser ist wichtig im Umgang mit Behörden, z.B. wenn man medizinische Hilfe oder andere Leistungen beantragt. Sie stehen auch nicht im offiziellen Lohnbuch, d.h. sie erhalten weder Kranken- noch Arbeitslosenversicherung.
* Befristete ArbeiterInnen wird nur nach Arbeitsaufkommen Arbeit zugeteilt, d.h. sie werden oft ohne Lohn nach Hause geschickt, was monatliche Lohnkürzungen von 500 Rupies zur Folge hat.
* Es gibt Fälle von körperlichen Misshandlungen im Werk. Opfer sind meistens LeiharbeiterInnen, die von Vorarbeitern oder Managern drangsaliert werden.

Wir wissen nicht, was letztendlich den Streik auslöste. Einige Leute sagen, dass eine größere Gruppe von ArbeiterInnen nach den Werksferien nicht wieder eingestellt wurde. Viele der ArbeiterInnen kommen aus Orissa oder Bihar. Andere Quellen geben an, dass es in der Woche vor dem 10. April 2006 informelle Treffen von ArbeiterInnen gab, auf denen die Aktion abgesprochen wurde.

Chronologie des Streiks bei Hero Honda

10. April 2006
Der Streik und die Fabrikbesetzung beginnt mit der Weigerung der ArbeiterInnen, nach Ende der Schicht die Fabrik zu verlassen.

11. April 2006
3.000 bis 4.000 ArbeiterInnen haben sich auf dem Fabrikgelände verschanzt und fordern die Festeinstellung. Rund 500 ArbeiterInnen warten außerhalb der Fabrik und unterstützen die ArbeiterInnen im Werk. “Die Polizei hat uns verboten in der Nähe des Tors zu stehen oder Parolen zu rufen”, sagt Sushant, ein Leiharbeiter aus Orissa, dem der Zugang zur Fabrik verwehrt wurde (Quelle: Labourfile). Hero Honda beginnt angeblich Verhandlungen mit den Streikenden, in den Medien stellen sie es allerdings als ein Problem der Kontraktoren dar. “Eine Gruppe von LeiharbeiterInnen haben Forderungen gegenüber ihres Kontraktoren erhoben und unverantwortlicherweise die Arbeit niedergelegt.” Antwort eines Streikenden: “Wir wollen, dass alle 4.000 Leiharbeiter als reguläre Beschäftigte in das Unternehmen aufgenommen werden, sodass wir dann nichts mehr mit den Kontraktoren zu tun haben müssen.” (Quelle: DNA Money). Der Artikel in DNA Money präsentierte diesen Arbeiter erst als Streikführer, dann als Streiksprecher, fügte dann hinzu, dass es im Werk keine Gewerkschaft gibt.

14. April 2006
Angeblich wurde die Wasserversorgung am 13. April gekappt. Hero Honda verkündet, dass der Streik keine Auswirkungen auf die jährliche Profite und Produktionszahlen des Unternehmens haben wird. “Hero Honda wird den Produktionsverlust aufholen, indem die Stückzahlen nach Wiederaufnahme der Arbeit von bisher 5.800 auf 6.500 Motorräder pro Tag aufgestockt werden.” Bei einem durchschnittlichen Motorradpreis von 35.000 Rupies entsteht dem Unternehmen ein täglicher Verlust von 210.000.000 Rupies, plus 50.000.000 Rupies für nicht versandte Ersatzteile. “Die Natur dieses Geschäfts an sich ergibt, dass genügend fertige Räder in den Lagern und bei den Händlern stehen. Außerdem möchte das Unternehmen klarstellen, dass dies ein wilder Streik ist und es keine formale Gewerkschaft im Gurgaon-Werk gibt. Die festangestellten Beschäftigten unterstützen den Streik nicht.” Die Kantine stellt seit dem dritten Streiktag kein Essen mehr zur Verfügung. Einige lokale Gewerkschaftsaktivisten sammeln Geld für Nahrung.

15. April 2006
Fünfter Streiktag. Die Produktion im 50 Kilometer entfernten Hero Honda-Werk in Dharuhera läuft angeblich ohne Einschränkungen weiter. Händler beklagen, dass es Engpässe bei einigen Motorradtypen gibt. Vor dem Werk ist nur eine kleine Polizeieinheit aufgezogen worden, die meisten schlafen im Schatten. ArbeiterInnen halten Versammlungen auf den Grünanlagen der Fabrik ab und hängen selbstgemachte Poster an den Zaun. Vor dem Tor stehen nur 50 ArbeiterInnen, niemand wird reingelassen. Kein Journalisten oder Presse. Einige Call Center-ArbeiterInnen beobachten die Szene aus sicherer Entfernung. Angeblich hat sich die Polizei geweigert, die Fabrik zu betreten. Auch das Management soll sich Sorgen um die Konsequenzen einer möglichen Räumung gemacht haben (um die Fabrik, Maschinen, Material). Es gibt Gerüchte, dass die Arbeiter damit drohen, die Fabrik abzufackeln.

16. April 2006
Eher unglückliches Ende des Streiks. Nachdem Repräsentanten der staatlichen Vermittlungsstelle sich geweigert hat, die Fabrik zu betreten, fordern sowohl LC als auch Management die ArbeiterInnen auf, eine Delegation zu senden. Sechs oder sieben ArbeiterInnen werden abgeordnet, und andere ArbeiterInnen und AktivistInnen durften an dem Verhandlungstreffen in einem lokalen Hotel nicht teilnehmen. Die Delegation kehrt zur Fabrik zurück und verspricht, dass die Forderungen teilweise erfüllt seien und dass der Streik abgebrochen werden könnte. Die ArbeiterInnen verlassen die Fabrik und die Delegation wurde seit dem nicht mehr gesehen. Man nimmt an, dass sie gekauft wurden. Am nächsten Tag erscheinen nur drei Viertel der LeiharbeiterInnen und Befristeten zur Arbeit. Sie sind wütend, da viele ihrer Forderungen im Endeffekt nicht erfüllt wurden (siehe Abschnitt zu Forderungen und Resultate). Ein Arbeiter am Tor sagt, dass sie 1.000 Rupies Lohnerhöhung bekommen werden, dass die Leute nicht glücklich über das Resultat sind, da es keine Festeinstellungen geben wird, dass sie aber in der Versammlung beschlossen hätten, den Streik abzubrechen. Angeblich wurden 20 bis 30 Leute wegen des Streiks entlassen. Das Hero Honda Management gibt an, dass die Produktion in Dharuhera aufgestockt wurde.

Forderungen und Resultate des Streiks bei Hero Honda

Von Seiten des Management gab es die Zusage, einige der Forderungen zu erfüllen:

* Eine 30 prozentige Lohnerhöhung für die LeiharbeiterInnen. Für die ungelernten LeiharbeiterInnen beträgt der neue Lohn 5.500 und für die gelernten 6.500 Rupies.
* Die unterschiedlichen Uniformen wurden nicht abgeschafft, nur anders verteilt. Jetzt tragen nicht mehr alle LeiharbeiterInnen, sondern ‘nur noch’ die ungelernten LeiharbeiterInnen blau, im Gegensatz zum Weiß der Festangestellten.
* Der Lohn der LeiharbeiterInnen geht von nun an auf ein Bankkonto (die Bankkarte ist wichtig für verschiedene Behördenformalitäten).
* An den indischen Feiertagen bekommen in Zukunft auch die LeiharbeiterInnen Geschenke.

Dies erzählte ein Arbeiter am Tor, kurz nach Ende des Streiks. Unbestätigten Informationen zufolge werden neueingestellte LeiharbeiterInnen weiterhin mit dem Mindestlohn von Haryana (2.400 Rupies, Stand August 2006) abgespeist. Im Mai 2007 erzählen Hero Honda LeiharbeiterInnen, dass seit dem Streik der Lohn für gelernte LeiharbeiterInnen 6.500 Rupies und der der Ungelernten 4.800 bis 5.000 beträgt.
Am Tag als bei Hero Honda die Besetzung endete, traten die ArbeiterInnen beim 15 Kilometer entfernten Zulieferer Shivam Autotech in wilden Streik.

Der Streik bei Shivam Autotech

Aus verschiedenen Punkten ist der Streik bei Shivam interessant. Er begann am selben Tag, als der Streik bei Hero Honda abgebrochen wurde. Wir können über mögliche organisatorische Verbindungen nur spekulieren, Tatsache ist, dass die ArbeiterInnen von Shivam vom Hero Honda-Streik mitbekommen haben, was ihre Entscheidung beeinflusst haben wird.
Die ArbeiterInnen wurden allerdings auch vom Unternehmen in den Streik gedrängt. Nachdem es zu Unruhe gekommen war, entschied die Unternehmensleitung die Busse für die nächste Schicht nicht loszuschicken, was de facto einer Aussperrung gleichkommt. Die Abhängigkeit der ArbeiterInnen von den Unternehmensbussen ist gewollt. Manche Unternehmen stellen nur ArbeiterInnen aus entlegeneren Dörfern ein, um sie im Fall von Betriebsauseinandersetzungen dort isolieren zu können. Das Shivam Management mag gedacht haben, dass der Stillstand beim Hauptkunden Hero Honda der richtige Zeitpunkt sei, um angestaute Konfliktpunkte auszukämpfen.
Weiterhin ist interessant, dass ‘kleine’ Angelegenheiten wie das Kantinenessen zum Auslöser von Konflikten werden können, in denen dann bedeutsamere Probleme auf den Tisch kommen. Die Tatsache dass die Arbeiter über die Arbeitsbedingungen und Löhne in den Montagewerken von Honda Bescheid wissen und diese als Standards setzen, ist von großer Wichtigkeit. Während des Streiks sah es so aus, als würden die Arbeiter trotz ihres unterschiedlichen vertraglichen Status zusammen kämpfen und es im Gegensatz zu ihren Hero Honda KollegInnen vermeiden, in die Falle der Delegation zu gehen. Die Unternehmensleitung von Shivam machte verschiedene Versuche, ‘Repräsentanten’ herauszufischen und diese entweder unter Druck zu setzen oder zu korrumpieren. Erst während und durch die zähen Verhandlungen und arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen nach dem Streik dividierten sich Festangestellte und LeiharbeiterInnen auseinander.

Das Unternehmen Shivam Autotech

Shivam Autotech (www.shivamautotech.com) ist ebenfalls Teil der Hero Group. Die Fabrik liegt am National Highway 8, zwischen Manesar und Gurgaon. Rund 80 Prozent der Produktion von Shivam wird an Hero Honda geliefert, in erster Linie Produkte der Metallumformung. In der Produktion werden CNC-Maschinen eingesetzt. Die Fabrik ist relativ neu, die Produktion lief im Jahr 2000 an, sie beschäftigte im Mai 2006 rund 300 festangestellte ArbeiterInnen, 350 LeiharbeiterInnen und 150 PraktikantInnen. Die meisten ArbeiterInnen haben eine ITI-Ausbildung. Die festangestellten ArbeiterInnen bekommen einen Bruttolohn von 4.000 Rupies, rund 3.000 Rupies netto. Eine kleine Minderheit von ArbeiterInnen (zwei Prozent) bekommen bis zu 8.000 Rupies. Die LeiharbeiterInnen bekommen den Mindestlohn von 2.400 Rupies brutto, von diesem Lohn wird Geld für das Kantinenessen abgezogen. Ein vom Kontraktor eingestellter Supervisor füllt Lohnzettel aus, kontrolliert die Anwesenheit und rekrutiert neue LeiharbeiterInnen. Für diese nicht-manuelle Arbeit bekommt er 5.000 Rupies. In der Produktion arbeiten keine Frauen, einige arbeiten im Büro.

Chronologie des Streiks bei Shivam Autotech

Bereits mit der letzten mageren Lohnerhöhung im Februar 2006 sank die Stimmung unter den Arbeitern. Während die Manager mit einer 50 prozentigen Erhöhung ihres Monatslohns davonkamen, fiel für sie nur zwei bis vier Prozent ab, sprich 70 Rupies im Monat. Sie klagten auch über schlechte Behandlung durch das Managements. Ein neueingestellter Praktikant musste z.B. wegen eines kleinen Fehlers über längere Zeit in Hockstellung auf dem Werkstattboden ausharren. Arbeiter wurden geschlagen. Ein weiteres Problem waren die Unternehmensbusse. Seit zwei Jahren hatten die Arbeiter gefordert, die Busse bis nach Bhiwadi zu schicken, einem Dorf, welches nur drei bis vier Kilometer vom letzten Stop entfernt liegt. Das Unternehmen verweigerte dies. Die ArbeiterInnen hätten in Bhiwadi billig leben können, aber in den letzten zwei Jahren haben sich die Landpreise dort auf Grund des Ausbaus des National Highways 8 gut verzehnfacht. Hinzu kommt die Frage des Kantinenessens. ArbeiterInnen beschweren sich über Ungeziefer im Essen, über die schlechte Qualität. Ein Kantinenkomitee wurde gegründet. Über eine Kakerlake im Essen kam es zu einem Streit mit dem Management. Die ArbeiterInnen stellten eine Liste mit 21 Forderungen auf: Lohnerhöhung, bessere Busverbindungen und besseres Essen, Festverträge für die Leiharbeiter und gleiche Uniformen für alle.

21. bis 25. April 2006
Als die Frühschicht um sechs Uhr morgens an der Bushaltestelle aufläuft, wartet dort kein Bus auf sie. Sie rufen die Nachtschicht an und finden heraus, dass die Busse nicht geschickt worden sind. ArbeiterInnen machen sie mit anderen Transportmitteln auf den Weg. Sie werden am Fabriktor zurückgewiesen, sie sollen Urlaub nehmen. Die Arbeiter glauben der Urlaubsgeschichte nicht, da sie sonst selbst am Sonntag arbeiten müssen (berufliche Lehrgänge finden am Sonntag statt, ein weiterer Konfliktpunkt).
Die Nachtschichtarbeiter werden aufgefordert, die Produktionszahlen zu notieren und dann das Werk zu verlassen. Die Arbeiter werden misstrauisch, da die Frühschicht nicht auftaucht. Schließlich setzen sich 400 Arbeiter in der Halle auf den Boden. Gleichzeitig versammeln sich 100 bis 200 Arbeiter vor dem Werkstor. Es kommt zu Handgreiflichkeiten mit dem Vorarbeiter der Security Guards.
Die Arbeiter erklären den Streik und besetzen die Fabrik für fünf Tage. Die Liste mit Forderungen wird an das obere Management ausgehändigt. Die Kantine läuft noch für zwei Tage, dann wird sie auf Geheiß der Unternehmensleitung geschlossen. Kein Essen darf in die Fabrik gebracht werden. Die Arbeiter erklären einen Hungerstreik, auch wenn kleine Mengen Nahrung ins Werk geschmuggelt werden können.
In den nächsten Tagen versucht der LC und das Management mit den Arbeitern zu verhandeln. Am vierten Streiktag kommt auch der DC aus Gurgaon zum Werk. Ein höherer Funktionär der Gewerkschaft AITUC kommt ebenfalls. Zusammen erwirken sie, dass der Streik am fünften Tag (ab)gebrochen wird.

Resultat des Streiks bei Shivam Autotech

Mit dem Ende des Streiks wurde ein vorläufiges Abkommen getroffen. Die Frage der Lohnerhöhung wurde verschoben. Das Management sicherte zu, dass die beruflichen Lehrgänge ab sofort während der offiziellen Arbeitszeit stattfinden und dass die Busse bis nach Bhiwadi geschickt werden. Zweimal die Woche sollen die Arbeiter das gleiche Essen kriegen wie die Angestellten. Das Management ersetzt alle Security Guards, die während des Streiks zu offen mit den Arbeitern symphatisiert haben.
Die Lohnverhandlungen zogen sich bis weit in den Juni 2006. Die Arbeiter stellten eine Lohnforderung auf, die im ersten Jahr einen monatlichen Lohnzuwachs von 5.000, im zweiten 3.000 und im dritten Jahr 2.000 Rupies einbringen sollte. Um die Angemessenheit ihrer Lohnforderung zu unterstreichen, legten die Arbeiter Lohnzettel von Arbeitern im Hero Honda Werk in Dharuhera vor, demnach Festangestellte 25.000 Rupies im Monat verdienen und LeiharbeiterInnen 6.000 Rupies. Das Management lehnte ab und bot 1.000 bis 1.500 Rupies monatliche Lohnerhöhung an, unter der Voraussetzung dass die Arbeiter für die nächsten drei Jahre keine weiteren Forderungen stellen würden. Der DC forderte die Arbeiter am 8. Juni 2006 auf, fünf bis zehn Arbeiter als Verhandlungspartner zu autorisieren und zu versichern, dass sie das durch die Delegierten ausgehandelte Ergebnis akzeptieren werden. Schließlich einigen sich ‘beide Seiten’ auf eine Lohnerhöhung von 2.700 Rupies monatlich, 60 Prozent im ersten Jahr, dann jeweils 20 Prozent in den beiden folgenden. Die LeiharbeiterInnen sind nicht mit einbezogen.

Kurzer Besuch in der zweiten Zulieferreihe: Hero Honda > Shivam Autotech > KDR

Von einem Lkw-Fahrer, der während des Streiks bei Shivam Metallteile zurück nach Faridabad nehmen musste, erfahren wir, dass Shivam zweimal täglich von KDR Forgings beliefert wird. Die KDR Fabrik liegt rund 70 Kilometer von Shivam entfernt, der Lkw-Fahrer braucht dafür rund anderthalb Stunden. Wir gehen davon aus, dass die KDR Arbeiter den Streik bei Shivam auch mitbekommen haben.
Das KDR Unternehmen besitzt insgesamt acht Fabriken in Faridabad, vier für Metallumformung, drei für Endbearbeitung durch CNC-Maschinen. Diese Teile werden vor allem nach Amerika exportiert.
Das Industriegebiet in Faridabad sieht auch architektonisch aus wie die zweite Reihe. Keine hübschen Fassaden oder angelegte asphaltierte Straßen. Die KDR-Zulieferfabrik beliefert neben Shivam auch den Maruti Suzuki-Zulieferer Talbros. In der Fabrik arbeiten 160 Arbeiter in 12-Stunden Schichten. Nur sieben oder acht sind festeingestellt, alle anderen haben temporäre Verträge. Das Lohnniveau bewegt sich zwischen 2.000 Rupies für Helfer und 2.500 bis 3.500 für Maschinenbediener. Die Arbeiter erfuhren vom Streik, das Metallteile zurückkamen. Während des Streiks produzierten sie vermehrt Teile für andere Kunden, die tägliche Arbeitszeit wurde aber auf acht Stunden reduziert. Ein längeres Gespräch wird durch einen Vorarbeiter und Manager unterbunden.

4.3.3 Kämpfe bei Delphi, August 2007

Während sich ArbeiterInnen des weltweit größte Autozulieferer Delphi in den USA und Europa gegen Arbeitsplatzabbau und Werksschließungen wehren müssen, kämpfen Delphi-ArbeiterInnen in Indien unter den und gegen die Bedingungen des lokalen Boom des Unternehmens. Im folgenden Abschnitt beginnen wir mit einer Übersicht auf die Unternehmenstätigkeiten von Delphi in Indien. Es folgt ein Bericht eines festangestellten Arbeiters, der den Kampf bzw. die Aussperrung im Jahr 2002 und die Reaktion der Gewerkschaft auf einen ersten spontanen Streik der LeiharbeiterInnen Anfang 2007 beschreibt. Im letzten Teil berichtet ein Leiharbeiter über seine Situation vor dem kurzen wilden Streik im August 2007.

Delphi in Indien

Delphi begann Mitte der 1990er die Produktion in Indien, eröffnete vier Hauptwerke, davon drei in den Industriegebieten um Delhi. Verglichen mit dem Gesamtprofit des Unternehmens sind die Profite aus Asien weiterhin gering. Im Jahr 2003 erwirtschaftete das Unternehmen einen Gesamtprofit von 28 Milliarden US-Dollar, davon 1 Milliarde aus Asien (Indien, Australien, Indonesien, China, Thailand, Korea und Japan). Im Jahr 2004 machte Delphi in Indien einen Umsatz von 110 Millionen US-Dollar, davon 30 Millionen durch den Export von Teilen. Diese Zahlen mögen sich durch die Krise 2005 und die globale Umstrukturierung verschoben haben. Die Herstellung einiger Teile wurde von den USA und Europa nach Indien verlagert und jetzt zurückexportiert, u.a. gasgefüllte Stoßdämpfer, Federbeine, Motoraufhängungen. Stoßdämpfer gehen auch zum Suzuki-Werk nach Ungarn. ArbeiterInnen aus dem Delphi-Werk in Gurgaon berichten, dass auch dort hergestellte Elektrokomponenten in die USA geschickt werden.
Während Delphi im Jahr 2005 in den USA von der Krise gebeutelt wurde und vor dem Bankrott stand, verkündete die Unternehmensführung in Indien, dass das Unternehmen dort nicht in Leidenschaft gezogen werden würde. Im Gegenteil, die Medien berichteten, dass die indischen ArbeiterInnen von der Krise profitieren würden, und gaben als Beispiel die aus den USA ausgelagerte Delphi IT-Abteilung in Bangalore an. Bereits im Jahr 2006 änderte sich der Ton drastisch, und der Vize-Präsident des Unternehmens verkündete in der Economic Times: “Der globale Umstrukturierungsplan von Delphi heißt für uns, dass das Lenkachsen-Werk in Bangalore und das Stoßdämpferwerk in Noida entweder verkauft oder von einem Partnerunternehmen weitergeführt werden.” Wie im folgenden Bericht von Delphi-ArbeiterInnen deutlich wird, setzt Delphi in Indien ebenfalls auf Verlagerungsdrohungen, um ihre Pläne gegen die ArbeiterInnen durchsetzen zu können.

Berichte eines festangestellten Delphi-Arbeiters

“Die Fabrik liegt am National Highway 8, produziert Kabelbäume für Maruti Suzuki, Honda, General Motors in Indien und für Nissan-Fabriken in den USA. Die Fabrik wurde 1995 eröffnet. Es gibt ein kleineres Werk in der Industriezone I in Gurgaon. Es gibt Gerüchte, dass eine neue Fabrik in Pune (in einem anderen Bundesstaat) aufgemacht wird…
Zu Anfang stellte Delphi junge Leute ein und gab ihnen später Festverträge. Nach sieben Jahren, also im Jahr 2002, ist die Anzahl der Festangestellten auf 750 angestiegen. An diesem Punkt führte das Unternehmen ein freiwilliges Frühverrentungsprogramm (VRS) ein. Den Festangestellten wurden 15 Monatslöhne versprochen, wenn sie selbst kündigten. Wir waren alle noch sehr jung, trotzdem nahmen 50 Leute das Angebot an, wenn auch zu wenig im Sinne des Unternehmens.
Kurz darauf gerieten Gewerkschaft und Unternehmen in Zoff über die Frist eines Forderungskatalog. Die Gewerkschaft warf dem Unternehmen vor, dass es keine Extrazahlung bzw. Geschenk für Divali (Feiertage) rausgerückt hat, das Unternehmen bestritt dies. Die Gewerkschaft sprach von Belästigungen der Arbeiterinnen durch das Management, das Management warf der Gewerkschaft Störung der Arbeitsdisziplin vor und suspendierte den Präsidenten. Es ging weiter hin und her, und am 9. Oktober entschließen sich die ArbeiterInnen schließlich, in der Fabrik zu bleiben. Am 10. Oktober sagte die Gewerkschaft, das Management sei bereit für Verhandlungen und forderte die ArbeiterInnen auf, nach Hause zu gehen. Als wir am 11. Oktober morgens zur Fabrik kamen, hing am Tor bereits die Verkündigung der Aussperrung. Nach drei Monaten Aussperrung präsentierte das Unternehmen das gleiche Frühverrentungsprogramm noch mal. Der erste, der es annahm war der Gewerkschaftspräsident, und er überzeugte auch einige andere ArbeiterInnen, zu unterschreiben. Wir waren naiv, viele nahmen das Angebot an, nachdem sie andere haben unterschreiben sehen. Trotzdem verließen weniger ArbeiterInnen das Werk, als sich Delphi gewünscht hatte. Im Jahr 2003 kam das dritte VRS, insgesamt wurden durch die drei VRS die Zahl der festangestellten ArbeiterInnen von 750 auf 250 gedrückt, gleichzeitig fing Delphi an, LeiharbeiterInnen einzustellen.
Heute, im Jahr 2007, arbeiten 2.500 LeiharbeiterInnen im Werk. Verglichen mit unserem Lohn von 8.000 bis 10.000 Rupies, verdienen sie mit 2.700 Rupies sehr wenig. Im Januar 2007 weigerten sich die LeiharbeiterInnen plötzlich, die Fabrik zu betreten. Sie setzten sich zusammen vor das Fabriktor und forderten eine Lohnerhöhung. Wir 250 Festangestellten und Mitglieder der Gewerkschaft betraten das Werk und arbeiteten weiter. Wie man sich vorstellen kann, war der Produktionsausstoß lächerlich, wenn nur ein Zehntel der Belegschaft arbeitet. Der wilde Streik von 2.500 ArbeiterInnen beutelte das Unternehmen. Die Unternehmensführung fing an, uns von der Konkurrenz mit anderen Unternehmen zu erzählen, und drohten die Schließung und Verlagerung des Werks an. Das Management verlangte von der Gewerkschaft, den Streik sofort zu beenden. Der neue Gewerkschaftspräsident sagte, dass die Gewerkschaft sowohl auf Seiten der LeiharbeiterInnen, als auch des Unternehmens sei. Die LeiharbeiterInnen waren alle sehr jung und ‘unerfahren’, trotzdem brauchte es viel Druck, um sie dazu zu bewegen, den Streik nach zwei Tagen abzublasen. Unter uns festangestellten ArbeiterInnen gehen die Gerüchte um, dass Delphi die Produktion nach Pune verlagern will, und die Angst, dass wir unsere Jobs verlieren, nimmt wieder zu”.

Wir druckten diesen Bericht in der FMS ab und verteilten ihn im Juni 2007 vor der Delphi Fabrik. Die Zeitung stieß auf großes Interesse, und fast alle Arbeiter nahmen eine Zeitung. Nach und nach versammelte sich eine Gruppe von 30 bis 40 Arbeitern. Viele wollten von ihren Erfahrungen bei Delphi berichten. Das Unternehmen schickte einen Security Guard, um die Gruppe aufzulösen. Einige junge Arbeiter schlugen vor, sich auf einer benachbarten Straßenbaustelle zu treffen, um dort weiterzureden. Die meisten von ihnen waren sehr wütend, unter 25, aus Uttar Pradesh oder West Bengalen, kannten Delphi und andere Fabriken in Gurgaon. Als nach fünfzehn Minuten ein Angestellter eines Kontraktors auftaucht, um nach dem Rechten zu sehen, flüchten die Arbeiter über den National Highway. Die meisten von ihnen wohnen in den umliegenden ehemaligen Dörfern. Ein junger Typ hat Zeit für einen Tee. Er erzählt uns, was er über den wilden Streik im Januar 2007 weiß. Er meint, dass die meisten LeiharbeiterInnen nach dem Streik gefeuert wurden und dass Delphi dann nicht genug Leute finden konnte und einige der Streikenden wieder einstellen musste. Er erzählt weiter, dass regelmäßig 30 bis 40 Überstunden vom Delphi Lohnzettel ‘verschwinden’, dass Überstunden einfach bezahlt werden, sprich mit 12 bis 13 Rupies pro Stunde. Arbeitsunfälle werden nicht aufgenommen, verletzte Arbeiter bekommen keine Entschädigung. Anfang 2006 sind zwei Arbeiter auf dem Weg nach Hause von einem Auto erfasst und getötet worden. Delphi zahlte den Familien der Arbeiter keinen Cent. Einen anderen Delphi-Arbeiter, den wir vor dem Tor kennengelernt hatten, treffen wir später mit seinen Zimmergenossen in einem Hinterhof in der Nähe der Fabrik.

Bericht eines Delphi Leiharbeiters

“Ich bin eigentlich aus der Nähe von Kalkutta, aber da gibt es keine Arbeit, also bin ich vor zwei Jahren nach Gurgaon, da war ich 20. Ich habe keine Familie hier, aber ich kannte einen Typ, der aus unserer Gegend nach Gurgaon gegangen ist. Ich habe bei Delphi angefangen, nachdem ich bei der Werkzeugfabrik Groz rausgeflogen bin. Die ist zwei Kilometer von Delphi entfernt, auch am National Highway. Ich hatte einen Streit mit einem Vorarbeiter. Ich arbeite also erst seit einem Monat bei Delphi, aber bisher ist das die übelste von den fünf Fabriken, in denen ich bisher gearbeitet habe. Man braucht keine besondere Qualifikation für die Arbeit, abgeschlossene zehnte Schulklasse reicht. Die Busse sind nur für die Festeingestellten, wir müssen laufen. Die Festeingestellten sind eh eher Aufpasser als Kollegen.
Die Schicht fängt eigentlich erst um 8 Uhr morgens an, wir müssen aber schon um halb sieben da sein. Dann acht, neun Stunden Stress, keine Pausen, abgesehen von den offiziellen. Das Fließband läuft schnell. Man muss einen Wisch unterschreiben, um mal aufs Klo zu können. Man arbeitet normalerweise immer am gleichen Band, ein Band für Nissan, Honda, General Motors, Suzuki. Man wird am Band rumgeschoben, aber selten von einem Band zum anderen. Man bekommt einen Unternehmensausweis, auf dem wird auch vermerkt, an welchen Arbeitsstationen wir schon gearbeitet haben. Delphi zahlt weniger als den Mindestlohn von 3.510 Rupies. Wir bekommen 2.428 Rupies, davon werden nochmal 300 Rupies gekürzt ,wenn man einen Tag freinimmt, ich meine außer Sonntags.
Dann ist Delphi ja seit kurzem von zwei 12-Stunden Schichten auf drei 8-Stunden Schichten gewechselt. Für uns heißt das aber, dass wir dieselben Stückzahlen, dieselben 108 Kabelbäume in acht statt zwölf Stunden schaffen sollen. Dann noch so Willkürlichkeiten: wenn du deine Arbeitsjacke verlierst, kürzen sie dir 200-300-500 Rupies vom Lohn, wenn du das Band von deinem Unternehmensausweis verlierst, kostet dich das 50 Rupies. Der Kontraktor gibt uns gefälschte Lohnzettel, da sind Überstunden nur dann aufgeführt und bezahlt, wenn man über 100 im Monat gemacht hat.
Von dem wilden Streik im Januar weiß eigentlich kaum einer was. Die meisten wurden innerhalb der letzten drei Monate eingestellt. Viele Leute verlassen Delphi nach kurzer Zeit, der Job ist mies. Ein Zimmerkollege von mir hat früher auch bei Delphi gearbeitet. Er hat allerdings im Dezember 2006 bei Delphi aufgehört, also vor dem Streik. Er meinte, dass es vor dem Streik kleinere Treffen in einem Park gab, an denen bis zu 200 Leute teilnahmen. Mehr weiß er aber auch nicht.
Momentan lebe ich mit fünf anderen jungen Typen aus West Bengalen in einem ziemlich kleinen Zimmer. Auf unserem Stockwerk im Hinterhof sind wir insgesamt 30. Wir sind hier alle ohne Familie angekommen, müssen jetzt zusehen, wie wir unser Leben arrangieren. Wir arbeiten fast alle in Fabriken in der unmittelbaren Umgebung, ein oder zwei sind arbeitslos, einer arbeitet Nachtschichten an einer Tankstelle. Bei mir im Zimmer wohnt noch ein Typ, der bei Delphi arbeitet, ein Typ dort noch bei Groz malocht, und die anderen arbeiten in einer Textilfärberei und bei einem Reisverschlusshersteller.”

Die Wohnsituation ist bereits ein wichtiger Faktor für den Fabrikalltag, man besorgt sich Jobs, fängt kurze Zeiten der Arbeitslosigkeit ab, organisiert die Hausarbeit zusammen. Das Zusammenleben könnte zu einem wichtigen Knotenpunkt für künftige Kampfbewegungen werden. Die jungen Arbeiter teilen sich in Fünfer- und Sechsergruppen Räume, eingekauft wird nach gemeinsamer Liste, wer als erstes von der Arbeit kommt, fängt an zu kochen, gegessen wird zusammen. Es gibt insgesamt vier oder fünf Handys, die untereinander rumgereicht werden, einen kleinen Fernseher für 30 Leute. Die Atmosphäre ist wie unter Freunden.

Der Freund, mit dem wir über Delphi geredet haben, verlässt die Fabrik kurz danach. Er hatte die Mischung aus schlechter Bezahlung und Stress satt. Er blieb rund zwei Wochen arbeitslos und fing dann in der Textilfärberei an, in der bereits ein Zimmergenosse arbeitete. Dort wird länger gearbeitet, was auch mehr Geld bedeutet und man muss in erster Linie Maschinen beaufsichtigen, die Arbeit ist weniger stressig. Die Auseinandersetzungen bei Delphi gehen weiter.
Im Juni 2007 lagen die Löhne noch unter dem offiziellen Mindestlohn von 3.510 Rupies. Dies sorgte für große Unruhe, also entschloss sich Delphi zur Flucht nach vorn und versammelte am 30. Juli 2007 alle Leiharbeiter, um ihnen zu verkünden, dass der Grundlohn zwar bei 2.700 Rupies bleibt, dass es aber ab sofort einen Anwesenheitsbonus von 800 Rupies gibt (400 Rupies für die ersten zehn Tage im Monat, dann jeweils 200 Rupies). Voraussetzung für den Bonus ist, dass sich Arbeiter keinen Tag extra freinehmen. Diese Ankündigung schien bei den ArbeiterInnen nicht auf allzu viel Gegenliebe gestoßen zu sein.
Am 3. August 2007 um halb vier Uhr nachmittags legten die LeiharbeiterInnen spontan die Arbeit nieder, um fünf Uhr rief der Werksleiter zu einer Versammlung der Früh- und Spätschicht. Erst sprach er verschiedene Drohungen aus, Schließung der Fabrik, Verlagerung nach Pune. Aber er merkte, dass diese Drohungen, anders als bei den Festeingestellten, keine Wirkung erzielten. Er fügte an, dass man zukünftig keine Disziplinlosigkeit dulden könne. Dann verlagerte er sich selbst auf Versprechungen. Den nächsten Lohnzettel bekamen die ArbeiterInnen am 6. August 2007. Der Lohn betrug jetzt 3.640 Rupies plus 800 Rupies Anwesenheitsbonus plus Bonus für Betriebszugehörigkeit. Für einige LeiharbeiterInnen bedeutete dies einen Monatslohn von 5.000 Rupies, also fast 90 Prozent Lohnerhöhung im Vergleich zum Juni.

4.3.4 Spontane Streiks zur Durchsetzung des neuen Mindestlohns, Herbst 2007

Im Sommer 2007 erhöhte die Regierung Haryanas den Mindestlohn von monatlich 2.540 Rs auf 3.510 Rs. Trotz der Tatsache, dass bereits der alte Mindestlohn für den Grossteil der ArbeiterInnen in Gurgaon und Faridabad nicht das Stück Papier wert war, auf dem er festgeschrieben wurde, schien die Regierung mit der Anhebung einem wachsenden Lohndruck in bestimmten Sektoren eine Art verallgemeinerte Grenze vorwegnehmen zu wollen. Freunde der Faridabad Arbeiter Nachrichten (FMS) haben Geschichten von ArbeiterInnen aus verschiedenen Fabriken gesammelt, die alle von ähnlichen Vorgängen berichten: die Unternehmen lassen die ArbeiterInnen einen Lohnzettel mit dem neuen Mindestlohn unterschreiben, zahlen aber de facto den alten weiter. Während ArbeiterInnen in der Textil-Exportindustrie mit Massenentlassungen und Lohnausständen konfrontiert sind und auf dieser Grundlage den neuen Mindestlohn nicht durchsetzen können, verweigern viele ArbeiterInnen in den Metall- und Autozulieferbetrieben den alten Lohn, legen spontan die Arbeit nieder und setzen so z.T. erfolgreich die Zahlung des neuen Mindestlohns durch. Hier ein paar ihrer Erzählungen.

Mahaarani Paints Arbeiter
(Plot 242, Sector 24, Faridabad)
Am 7. August, als die Zeit der Zahlung des Juli-Lohns gekommen war, forderte uns die Betriebsleitung auf, zwei unterschiedliche Lohnzettel zu unterschreiben: einer gab den neuen Mindestlohn an, auf dem anderen stand der alte Lohn von 2.500 Rs. Sie zahlten uns den alten Lohn und zwei-drei Arbeiter nahmen diesen auch an, aber wir anderen verweigerten den Lohn. Wir setzten und hin und legten die Arbeit nieder. Eine Stunde später kam der Geschäftsführer und sicherte uns zu, dass wir 3.510 Rs bekommen werden. Das geschah dann auch am 9. August.

Mahaarani Paints Arbeiter
(in einer anderen Fabrik des Unternehmens, Plot 343-344, Sector 24, Faridabad)
Am 7. August wurden die Juli-Löhne bezahlt: 2.540 Rs. Ein paar Leute nahmen das Geld auch an, aber wir Leiharbeiter verboten allen anderen, das Geld zu nehmen und wir legten die Arbeit nieder. Wir hatten von der Aktion der Leute in der 242-Fabrik gehört. Weil wir die Arbeit niederlegten kam die Produktion in der ganzen Fabrik zum Stehen. Die Festangestellten sind gewerkschaftlich organisiert, ein Gewerkschzaftsführer ging zum Betriebsführer und der ging zum Direktor Baldev Raj Bhatiya. Auf Anweisung des Direktors wurde ein neuer Lohnzettel ausgehändigt und am 9. August wurden 3.510 Rs ausgezahlt.

Senden Vikas Arbeiter
(Plot 65, Sector 27a, Faridabad)
Der Kontraktor liess uns einen Lohnzettel mit dem neuen Mindestlohn unterschreiben, zahlte aber nur 2.500 Rs. Wir weigerten uns, das Geld anzunehmen, daraufhin zahlte der Kontraktor dann doch den neuen Mindestlohn. In der Fabrik arbeiten 70 Festangestellte und 250 Leiharbeiter, wir stellen monatlich 25.000 Klimaanlagen für die Autoindustrie her.

Punit Udyog Arbeiter
(Plot 37e, Sector 6, Faridabad)
Die Fabrik stellt Seife her. Bis heute, den 22. August, haben die Hilfskräfte ihren Juli-Lohn nicht angenommen, da das Unternehmen den neuen Mindestlohn nicht zahlen will.

Pepsi LKW-Fahrer
(Plot 27, Sector 24)
Pepsi beschäftigt 54 Hilfskräfte und Fahrer mittels Leihfirmen. Wir sollten den neuen Mindestlohn unterzeichnen, ausgezahlt wurden aber nur 2.500 Rs. Um dagegen vorzugehen, sind wir heute alle bereit, uns zusammen ein paar Tage freizunehmen.

Shyam Elanyaz Arbeiter
(Plot 40, Sector 6, Faridabad)
Als das Unternehmen 2.500 Rs als Juli-Lohn zahlen wollte forderten 50 befristete Arbeiter 3.510 Rs. “Wenn ihr nicht zahlen könnt, können wir nicht arbeiten”. Am 9. August um drei Uhr nachmittag, als die Löhne ausgezahlt werden sollten, liessen die Arbeiter die Arbeit ruhen. Sie setzten sich bis zum Ende der Schicht um fünf Uhr in der Fabrik auf den Boden. Am 10. August wurden sie zu Beginn der Schicht um 8:30 Uhr am Betreten der Fabrik gehindert, sie setzten sich daraufhin vor das Fabriktor. Die Fabrik beschäftigt 40 Festangestellte, 100 Arbeiter durch Leihfirmen und 100 Stücklohnarbeiter. Drei Festangestellte fungieren als Leiharbeitgeber, einer von ihnen ist ein Gewerkschaftsführer. Rund 15 der befristete Arbeiter vor dem Tor nahmen nach Versprechungen und Drohungen die Arbeit auf, weitere 15 akzeptierten eine Extrazahlung von 200 – 300 Rs. Trotzdem blieben 20 befristete Arbeiter vor dem Tor und kündigten an, am nächsten Tag zum Büro des Deputy Commissioners zu gehen.

Talbros Arbeiter
(Plot 75, Sector 6, Faridabad)
Am 10. August sollten die Löhne gezahlt werden. Die Hilfskräfte bekamen 2.000 Rs, sie legten die Arbeit nieder und verlangten 3.510 Rs. Der Streik dauerte vom 10. August bis zum 22. August. Am 16. August kam die Polizei in die Fabrik und verliess sie zusammen mit den Bossen. Dem Labour Department wurde von Seiten des Unternehmens folgende Information gegeben: die 190 Hilfskräfte sind nicht auf dem Gelände der Talbros Fabrik beschäftigt. Das Labour Department und das Unternehmen unterhalten gute Beziehungen… die 190 Arbeiter wurden gefeuert. Das Unternehmen lässt zwei 12-Stunden Schichten arbeiten und stellte neue Hilfskräfte ein. Diesen Neuen wurde gesagt, dass sie monatlich 3.510 Rs bekommen werden, wenn sie an jedem Tag des Monats zwölf Stunden arbeiten.

Ahuja Plastics Arbeiter
(Plot 20a, Industrial Area, Faridabad)
Am 5. Juni begannen die männlichen Arbeiter einen Streik und forderten eine Lohnerhöhung von 300 Rs. Die weiblichen Arbeiterinnen wollten ebenfalls die Arbeit niederlegen, aber wir sagten ihnen, dass sie es aus folgendem Grund nicht tun sollten: wir können überall einen neuen Job finden, aber ihr werdet Probleme haben. Als der Direktor selbst eine 200 Rs Lohnerhöhung verweigerte, nahmen wir am 9. August die Arbeit wieder auf. Wir wurden gezwungen, ein Dokument zu unterschreiben, nachdem wir unentschuldigt bei der Arbeit gefehlt haben.

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