5. Anhang
April 12, 2008

5.0 Anhang
5.1 Die Linke in Gurgaon bzw. Delhi und das Zeitungsprojekt ‘Faridabad Majdoor Samaachaar’ (FMS)
5.2 Glossar
5.1 Die Linke in Gurgaon bzw. Delhi und das Zeitungsprojekt ‘Faridabad Majdoor Samaachaar’ (FMS)
Die offizielle Linke in Delhi bezieht sich auf die Situation in Gurgaon oder anderen Industriegebieten in erster Linie vermittelt durch die Gewerkschaften, d.h. ihr Einfluss beschränkt sich in erster Linie auf die wenigen organisierten festangestellten ArbeiterInnen. In Delhi selbst gibt es parteiunabhängige Gruppen von AktivistInnen, die ihre Tätigkeiten aber in erster Linie auf ‘Skandale’ konzentrieren, d.h. dann aktiv werden, wenn der Staat repressiv gegen Bauernbewegungen oder Proteste gegen Großprojekte vorgeht. In Gurgaon ist diese Linke bei den zwei ‘Hauptskandalen’ aktiv geworden, bei der Aussperrung der Maruti Suzuki-ArbeiterInnen im Jahr 2002 und der Honda HMSI-ArbeiterInnen im Jahr 2005. Der ‘normale’ Alltag der ArbeiterInnen wird politisch nicht aufgegriffen. Es gibt trotz der massenhaften Konzentration und dem Interesse vieler junger ArbeiterInnen nach Informationen keine Initiativen von linken Organisationen, nicht einmal klassische Rekrutierungskampagnen.
Eine der wenigen Ausnahmen ist die Gruppe um die Faridabad Majdoor Samaachaar (FMS), die Faridabad Arbeiternachrichten. Diese Gruppe begann ihre Aktivitäten als linksradikale leninistische Gruppe in den frühen 1980er Jahren im Industriegebiet Faridabad. Die ersten Versuche zielten darauf hin, eine Opositionsorganisation zu den bestehenden Gewerkschaften aufzubauen, mit klassischen Arbeiterlesezirkeln, einer Arbeiterbücherei, Betriebszeitungen und schließlich der monatlichen Publikation FMS. Die Gruppe sah sich mit gewalttätigen Übergriffen konfrontiert, ausgehend sowohl von der Unternehmerseite als auch der Gewerkschaftshierarchie. Entscheidender für die weitere politische Ausrichtung der Gruppe waren allerdings die Niederlagen der gewerkschaftlich geführten Kämpfe. Mitte der 1980er herrschte zwar eine große Unruhe in den Fabriken mit spontanen Ausbrüchen, aber fast alle traditionellen Streiks und Mobilisierungen, sprich symbolische Massendemonstrationen, angekündigte Streiks und die direkte Konfrontation mit der Staatsmacht, endeten in zum Teil blutigen Niederlagen. Die Gruppe unterlief durchlief eine politische Debatte, in der sie die klassischen Organisations- und Kampfformen in Frage stellte. Konsequenz dieser Auseinandersetzung war neben der Beschäftigung mit Rosa Luxemburg und ‘linkskommunistischen’ Theorien vor allem die Neuausrichtung der eigenen Aktivitäten, in erster Linie die Neuausrichtung der eigenen Zeitung. Zuvor lag der Schwerpunkt der Zeitung auf der ‘politischen Aufklärung’ der ArbeiterInnen im traditionellen Sinne und der Beschäftigung mit anderen Strömungen innerhalb der Linken. In den späten 1980ern und 1990ern wandelte sich die FMS zu einer Zeitung, die in erster Linie die direkten Erfahrungen von ArbeiterInnen in und um Faridabad aufgreift und durch die Verteilung an diese zurückgibt.
In der Zeitung berichten ArbeiterInnen über die Situation in den Fabriken und Wohngebieten, ihren Tagesablauf, ihre Probleme mit Autoritäten und Behörden. Diese Berichte nehmen zwei Drittel der vierseitigen Zeitung ein. Desweiteren gibt es Berichte aus dem Ausland, die von Bekannten der FMS eingehen, so z.B. aus Knästen der USA oder zu Kämpfen asiatischer Arbeiter auf Baustellen in Dubai. Einzelne Artikel greifen generelle politische Probleme auf: die Probleme der Repräsentation, der (religiösen, kastenbezogenen etc.) Identitäten, der staatlichen Ideologien und wie wir sie durch direkte Beziehungen und Auseinandersetzungen untereinander überwinden können. Die Zeitung entsteht in erster Linie durch Gespräche mit ArbeiterInnen, in Teestuben, in der kleinen ‘Arbeiterbibliothek’ in einem Slum in Faridabad oder während des Verteilens vor Fabriken oder an Zufahrtswegen der Industriegebiete. Auch gehen monatlich viele Postkarten ein, in denen ArbeiterInnen oder AktivistInnen Kommentare oder Berichte abgeben. Die Zeitung wird kostenlos mit einer Auflage von rund 6.000 Exemplaren verteilt. Verteilung und Finanzierung wird von befreundeten ArbeiterInnen und Bekannten übernommen. Wer Kontakt aufnehmen möchte, kann in englisch an folgende Addresse schreiben:
Faridabad Majdoor Samachar
Majdoor Library
Autopin Jhuggi
NIT
Faridabad 121001
Haryana
India
Wer weiteres Material zu bzw. von dieser Gruppe auf englisch lesen möchte:
http://home.earthlink.net/~lrgoldner/kk.html
http://www.geocities.com/CapitolHill/Lobby/2379/fms.htm
http://www.geocities.com/CapitolHill/Lobby/2379/critint1.htm
http://www.geocities.com/CapitolHill/Lobby/2379/intro.htm
http://www.geocities.com/CapitolHill/Lobby/2379/leadry.htm
AITUC (Gewerkschaft)
Bangladesh, Kämpfe
Bestseller-Romane
BPO
CITU (Gewerkschaft)
Crore
DC Deputy Commissioner
Grüne Revolution
Haryana
HSIIDC
HMS
Lakh (siehe Crore)
LC Labour Commissioner
Nandigram
Panchayat
Ration Card
Rupies (siehe Wechselkurs)
Shining India
Suspendierung
Wechselkurs
AITUC
All India Trade Union Congress ist der älteste gewerkschaftliche Dachverband in Indien und einer der fünf größten. Er wurde 1919 gegründet und ist seit 1945 der Kommunistischen Partei Indiens affiliert.
Bangladesh, China und Vietnam
Für einen Überblick bezüglich der Kämpfe der letzten Zeit: www.umwaelzung.de
Bestseller-Romane
Bezieht sich auf den Roman: ‘One night in a call center’, es geht um die Probleme der Mittelstandsjugend in den Call centern der indischen Metropolen, mehr (auf englisch): http://en.wikipedia.org/wiki/One_Night_@_the_Call_Center
BPO
Business Process Outsourcing, z.B. Auslagerungen von technischen Hotlines, Marktforschung, Datenverarbeitung, Kundenaquise
CITU
Centre of Indian Trade Unions, ein gewerkschaftlicher Dachverband der Kommunistischen Partei Indiens (Marxistisch). Gegründet 1970, rund 3 Millionen Mitglieder in Indien.
Crore
1 Crore = 10,000,000
1 Lakh = 100,000
DC / Deputy Commissioner
Stellvertretender Präsident des Verwaltungsbezirks
Grüne Revolution
Agraroffensive in den 1950ern und 1960ern vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika: Marktausrichtung durch Monokulturen, hoher Kapitaleinsatz durch Dünger und industrielles Saatgut, dadurch zwar hohe Ertragssteigerungen, aber auf Kosten des kleinen Bauerntums und der Umwelt.
Haryana
Haryana ist ein Bundesstaat mit einer Fläche von 44.212 km² und 21.082.989 Einwohnern, davon 11,33 Millionen Männer und 9,75 Millionen Frauen. Haryana grenzt im Norden an den Bundesstaat Himachal Pradesh, im Nordwesten an den Punjab und Chandigarh, im Südwesten an Rajasthan, im Osten an Uttar Pradesh und an das Unionsterritorium Delhi. Die größte Stadt des Bundesstaates ist Faridabad.
HSIIDC / Haryana State and Industrial Inrastructure Development Corpoation
Eine bundesstaatliche Entwicklungsgesellschaft für Infrastruktur und Industrie (http://hsidc.nic.in/au.htm)
HMS
Hind Mazdoor Sabha, ein der sozialistischen Partei affilierten Gewerkschaftsverband
LC
Labour Commissioner, lokaler Vorsteher der staatlichen Vermittlungsstelle bei Konflikten zwischen ArbeiterInnen und Kapital und Behörde für zuständig für Anträge zum Arbeitsrecht
Nandigram
Dorf in West-Bengalen, in dem es seit 2006 zu Auseinandersetzungen zwischen lokaler Bevölkerung, teilweise unterstützt durch Maoisten und Oppositionsparteien, und dem Unternehmen Tata bzw. der Kommunistischen Regierungspartei von West-Bengalen kommt. In dem Gebiet soll eine große Industriezone entstehen, dagegen richtet sich der Protest. Die KP ging mit paramilitärischen Trupps und Polizei gegen den Protest vor, insgesamt gab es bereits 40 Tote und viele Schwerverletzte.
Panchayat
Ein gewählter lokaler Verwaltungsrat, agiert auf ‘Dorfebene’ und kümmert sich um lokale Belange
Ration Card (Bedürftigtenkarte)
Offiziell können Leute deren Einkommen eine bestimmte Höhe nicht überschreitet in sogenannten ‘governmetal fair price shops’, also staatlich kontrollierten Läden Waren wie Reis, Mehl, Öl verbilligt einkaufen. Um in diesen Läden einkaufen zu können braucht man eine Bedürftigtenkarte, die man aber nur beantragen kann, wenn man eine feste Meldeadresse hat, im Wahlregister eingeschrieben ist usw., was für viele ProletarierInnen in den Großstädten nicht möglich ist. Die Bedürftigtenkarte wiederum zählt ebenfalls als eine Art Ausweis. Die lokale Politik nutzt die staatlichen Läden als wichtiges Machtmittel und verlängerten Arm in die proletarische Bevölkerung. Über ihre Statthalter, die Ladenverwalter, können sie Stimmungen aufnehmen und beeinflussen. Es gibt regelmäßig Revolten gegen die Korruption der Ladenverwalter, zuletzt im Oktber 2007 in West-Bengalen, als mehrere Läden von wütenden ProletarierInnen angezündet wurden. Unter den ArbeiterInnen in Gurgaon spielen diese Läden kaum eine Rolle.
Shining India
Der Wahlspruch und das neoliberale Heilsversprechen der in den 1990ern regierenden hindu-nationalistischen Partei BJP
Suspendierung
ArbeiterInnen werden oft nicht direkt entlassen sondern suspendiert, d.h. sie bleiben zu Hause, erhalten die Hälfte des Lohns und durch einArbeitsgerichtsurteil wird über ihre Zukunft entschieden.
Wechselkurs
1 US-Dollar = 39 Rs (Oktober 2007)
1 Euro = 56 Rs (Oktober 2007)
Zahlungskrise 1991
Währungscrash auf Grund hoher Staatsverschuldung und zusammengeschrumpfter Devisenreserven, Indien erklärte Zahlungsunfähigkeit und beantragt Kredite beim IWF. In Folge kam es zu einer Marktöffnung und Privatisierungspolitik. Heute wird vor einem umgekehrten Problem gewarnt, einem Crash auf Grund von enormen Strömen ausländischen Kapitals, meist kurzfristig angelegt.