GurgaonWorkersNews no.13 – Oktober 2008

Oktober 5, 2008

GurgaonWorkersNews No.13 – Oktober 2008
(Englische Vollversion auf: http://www.gurgaonworkersnews.wordpress.com)

Nachrichten aus der miserablen Boom-Stadt Gurgaon (Delhi/Indien) –
Austragungsort sozialer Unruhe in Indiens größter Sonder-Exportzone

Aus der Oktober 2008 Ausgabe:

*** Gated Communities, Selbstkasernierung und repressive soziale Paranoia der oberen Mittelschichten

Angesichts der zunehmenden räumlichen Konzentration von Reichtum und Armut, von Aufstiegschancen und sozialem Abstieg sind soziale Privilegien eng verbunden mit Gefühlen von Bedrohung – nicht unbegründet, wie die aktuellen Vorkommnisse in NOIDA (siehe unten) zeigen. In diesem Sinne ist Gurgaon eine Landschaft der Massenpsychose, mit Schosshunderestaurants neben unterernährten BauarbeiterInnenfamilien und 3-Zimmer Appartments, die 2.500 Jahreslöhne eines davor wartenden Riksha-Fahrers kosten. Die gesichtslose Gewalt der Ausbeutung – das Fliessband, die Exportmarktentwicklung und Immobilienpreise – muss sich einen körperlichen Ausdruck suchen: die managende Mittelschicht, die gezwungen ist, in engem Kontakt mit den Ausgebeuteten zu leben und zu arbeiten. Einige Artikelausschnitte zur daraus resultierenden urbanen Aufrüstung: gesicherte Wohnanlagen, massenhafte Ausweitung von Video-Überwachung, zunehmende Repression und Vernachlässigung in Gurgaons Knast…

*** Zehn Bauarbeiter sterben nach Unfall in Gurgaon

Die schaffende Kraft und unmittelbaren Opfer des lokalen Baubetriebs sind die BauarbeiterInnen. In Zeiten der Kreditklemme im Immobiliensektor – siehe Artikel zur Immobilienkrise – müssen die Baufirmen an allen Ecken sparen. Im September kostete dies zehn Bauarbeiter das Leben. Zehn Tote, von denen die Zeitungen berichteten…

*** Kurzer Bericht eines Arbeiters bei Orient Fan – Hauptabnehmer Wal Mart

Die Fabrik liegt im benachbarten Faridabad. Wenn der jährliche Besuch des Abgeordneten von Wal Mart ansteht, werden die LeiharbeiterInnen an diesem Tag aus der Fabrik verbannt. Sie existieren offiziell nicht und müssen daher unsichtbar bleiben. Im letzten Jahr wurden 200.000 Ventilatoren für Wal Mart produziert, in 12-Stunden-Schichten.

*** Weitere Liste von Kurzberichten aus Fabriken in Gurgaon

Es berichten ArbeiterInnen von Achiever Creation (Textilexport), Elite Medical (medizinisches Equipment), Radnik Export (Textilexport), Rolex Auto (Autoteile), Viva Global (Textilexport) über Löhne und Arbeitszeiten.

*** Wilder Sitzstreik bei Honda HMSI im September

Kurze Zeitungsnotiz zu einem weiteren wilden Streik von LeiharbeiterInnen in der erst vor sieben Jahren auf grüner Wiese errichteten Motorrad-Fabrik. Rund 1,500 ArbeiterInnen legten die Arbeit nieder, nachdem ein Manager angeblich einen Arbeiter während der Nachtschicht geschlagen hatte.

*** Auto-ArbeiterInnen erschlagen Fabrikleiter nach wildem Streik und Entlassungen

Zwei Wochen nach dem wilden Streik bei Honda endete ein Streik bei einem im Nachbar-Industrieviertel gelegenen Autozulieferers (Graziano Transmissioni – Italien) blutig. Die ArbeiterInnen hatten höhere Löhne gefordert, das Management reagierte mit Entlassung von mehreren hundert ArbeiterInnen, bei einer Protestversammlung wurde der Fabrikleiter unter unbekannten Umständen getötet. Rund 130 ArbeiterInnen wurden verhaftet, 60 wegen Mordes angeklagt.

*** Die blutige Krise des Immobiliensektors

Während eines Protestmarsches von Bauern im benachbarten NOIDA für höhere Entschädigungen für verkauftes Land werden im August 2008 mehrere Demonstranten erschossen. Die Proteste stehen im Zusammenhang des vergangenen Booms und der aktuellen Krise des lokalen Immobiliensektors: steigende Zinssätze, Einbruch der US-Wirtschaft, steigende Preise für Baumaterial. Einer der Hauptanziehungssektoren für ausländische Finanzflüsse ist blockiert. Die steigende Inflation und die steigende Unruhe bei der verarmten urbanen Bevölkerung schafft zusätzlichen Druck. Der Staat weiss, dass es zu Funkenflug, auslösenden Momenten, Kettenreaktionen kommen kann – und sei es durch Bauernproteste in metropolitanen Satellitenstädten.

*** Ein kurzer Blick auf die Situation des Call Center Sektors in Gurgaon

Im August 2008 verkünden die Zeitungen Massenentlassungen in einer von Indiens Hauptstädten für IT und Call Center Industrie. In Gurgaon arbeiten mehr als 150.000 ArbeiterInnen unter dem Head-Set, telefonieren hauptsächlich für den US-Markt. Dieser kriselt und wirft Schatten und Entlassungswellen über den Ozean. Einige Zusammenfassungen: Unternehmensverbände gründen Schwarze Listen, um hohe Arbeitskräftefluktuationen zu verhindern; Call Center Taxis töten jeden Monat Dutzende auf Gurgaon-Delhis Straßen, die Fahrer müssen schneller und länger fahren, um die Kosten zu senken; Gender und Call Center und wie eine neue Kaste entsteht.

*** Lokale Energiekrise und Destruktivkräfte

Maschinen müssen 24 Stunden durchlaufen, nicht zu machen bei häufigen Zusammenbrüchen des lokalen Stromnetzes. Suzukis Autofabrik hat ein eigenes Kraftwerk, alle Fabriken eigene Dieselgeneratoren. Im Industriegürtel um Delhi werden jedes Jahr 350.000.000 Liter Diesel in Stromgeneratoren der Industrie verbrannt, die steigenden Dieselpreise treffen hart, die Treibstoffkosten belaufen sich auf den Jahreslohn von 430.000 ArbeiterInnen, rund 14.000.000.000 Rupies. Dazu kommen die Generatoren der Shopping Malls, Büros, Wohnanlagen. Nur gut, dass die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) ihre Zentrale für Carbon Trade in Gurgaon eröffnet hat: damit RWE in Deutschland dank grüner Aktien aus Indien mehr CO2 erzeugen darf.

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